Welterschöpfungstag - geht es auch anders?

Braunkohlebagger vor qualmenden Schornsteinen

Welterschöpfungstag - geht es auch anders?

Am 1. August ist Welterschöpfungstag. Das heißt, ab dann leben wir auf Kosten der Ressourcen nachfolgender Generationen. Eine Gruppe von 60 Bonnern will das nicht akzeptieren.

Um den Welterschöpfungstag zu ermitteln, stellt das Global Footprint Network die natürlichen Ressourcen der Erde dem Verbrauch genau dieser Ressourcen durch die Weltbevölkerung gegenüber. Die Erde kann den Verbrauch von Wäldern und Ackerland und den Ausstoß von CO2 nicht so schnell kompensieren, wie wir ihn verursachen.

Der Vergleich macht schnell deutlich: Wir leben deutlich über unsere Verhältnisse und vergessen, dass wir nur einen Planeten haben und diesen immer mehr ausbeuten. Nimmt man den Verbrauch der Gesamtbevölkerung, bräuchten wir eigentlich 1,7 Erden für unseren aktuellen Bedarf an Energie und Ressourcen. Die haben wir aber nicht.

Wohngemeinschaft "Amaryllis"

Nachhaltigkeit kann auch Spaß machen. Vor allem, wenn alle an einem Strang ziehen – so wie die 60 Bewohner der Bonner Wohngemeinschaft "Amaryllis" – eine Art "grüne Siedlung" – nicht nur mit ihren Ideen für einen nachhaltigeren Alltag, sondern mit ihrer fröhlichen Lebenseinstellung.

Michael Schneider ist Mitbegründer der Amaryllis eG

Michael Schneider ist Mitbegründer der Amaryllis eG in Bonn – einer nachhaltigen Siedlung in Vilich-Müldorf. Der Agraringenieur ist 56 Jahre alt und möchte nachhaltig leben. Baubeginn war 2006, ein Jahr danach ist er mit seiner Frau und drei Kindern eingezogen.

Michael Schneider ist Mitbegründer der Amaryllis eG in Bonn – einer nachhaltigen Siedlung in Vilich-Müldorf. Der Agraringenieur ist 56 Jahre alt und möchte nachhaltig leben. Baubeginn war 2006, ein Jahr danach ist er mit seiner Frau und drei Kindern eingezogen.

Insgesamt wohnen 45 Erwachsene und 15 Kinder in den Häuserblöcken. Es gibt einen großen Gemeinschaftsgarten mit Obstbäumen und Gemüse und die Nachbarn sind über das Erdgeschoss und den Rundumgang auf der ersten Etage gut erreichbar.

Damit alles rund läuft, gibt es für alle Bewohner der Amaryllis eG Aufgaben: einen Aufsichtsrat, einen Vorstand, eine Finanz-AG, die Garten-AG und die AG für Gemeinschaftszeit. Außerdem gibt es Einzelaufgaben wie die Wartung der Aufzüge und elektrischen Türen, die Pflege der Gemeinschaftsbibliothek und des Kinderspielzeugs für alle.

Gudula Hancock in der blauen Bluse lebt auch von Anfang an in der Siedlung und hat das Mobilitätskonzept mit entwickelt. Irmgard Lehnhoff-Schwarz nutzt sogar ihr Badewasser zum Blumengießen und Silke Gross findet, es müsste wieder menschlicher werden auf der Welt. Das wäre nachhaltiger für alle.

In der Amaryllis eG stehen Shampoo- und Waschmittel-Kanister im Keller, so dass alle Bewohner sich etwas abfüllen können. Das spart Verpackungsmüll und weite Wege – und für eine persönliche Duftnote mischt Gudula Hancock gerne Rosmarin unter.

In der spontan zusammen gefundenen Nachbarsrunde diskutieren die Bewohner über den Welterschöpfungstag. Ist alles was sie tun ein Tropfen auf den heißen Stein? Finden sie nicht, denn zum einen schöpfen sie Energie daraus und zum anderen muss ja jemand den Anfang machen.

Die drei Häuser haben alle den Energiestandard KW40 – sind also Niedrigenergiehäuser mit einem Verbrauch von maximal 40 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr. Sie müssen eine gewisse Qualität an Dämmmaterial aufweisen und sind alle so geplant, dass z.B. der Wasserkreislauf pro Haus kurze Wege hat. Von außen ist alles begrünt und gepflegt, so dass sich hier alle wohlfühlen.

Die Stadt ist unser Garten, heißt es auf einem Willkommensschild. Um diesen Garten herum gibt es nur wenige Autostellplätze, dafür weniger Lärm, mehr Sicherheit, mehr Raum für Miteinander und ganz nebenbei deutlich weniger CO2-Ausstoß. Die nachhaltige Variante soll eben die bessere sein: weniger Autos, mehr Räder. 75 Fahrradabstellplätze gibt es in der Siedlung. Die Anhänger für Kinder werden geteilt.

Ebenso geteilt werden Obst und Gemüse. Wer mag, pflückt etwas. Es handelt sich aber weder um eine solidarische Landwirtschaft, in der alle für alle säen und ernten, noch um eine autonome Versorgung. Gepflegt wird der große Garten vor der Amaryllis-Siedlung vom Verein "Wohnen im Quartier" und allen Bewohnern, die Lust darauf haben.

In der Amaryllis eG geht es um viel mehr als um nachhaltiges Leben. Es geht um ein nachhaltiges Miteinander. Um Gemeinschaft. Das ist eine Lebenseinstellung. Und die erschöpft sich so schnell nicht.

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird der Bedarf an "Erden" sogar stark ansteigen. Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf 9,7 Milliarden Menschen anwachsen. Auch die durchschnittliche Lebenserwartung steigt. Bei unserer Nachfrage nach Energie, Lebensmitteln und anderen Konsumgütern werden wir noch vor 2050 die Ressourcen von drei Erden benötigen.

Die Bewohner der Amaryllis-Siedlung in Bonn möchten das nicht hinnehmen. Dort leben 45 Erwachsene und 15 Kinder in einem Wohnkomplex, um dazu bei zu tragen, den Welterschöpfungstag wieder nach hinten zu verschieben. Sie teilen sich mit den Nachbarn der Siedlung Autos und Gefrierfächer, gärtnern gemeinsam und füllen Shampoo und Seifen aus großen Kanistern im Keller in eigene Schälchen ab, um weniger Müll zu produzieren. Sogar das schaumfreie Badewasser wieder zum Blumengießen wiederverwertet. Es geht eben auch anders.

Autorin: Anita Horn

Redaktion: Heiko Hillebrand

Welterschöpfungstag - geht es auch anders?

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 31.07.2018 | 18:18 Min.

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