Mittelalter handmade: Bauen wie vor 1200 Jahren

Ein älterer Mann mit weißem Käppchen, Leinenkutte, Kniebundhosen und Stulpen sitzt vor einem Holzhäuschen im Wald am Schnitzbock und fertigt aus langen dünnen Stangen Holznägel.

Mittelalter handmade: Bauen wie vor 1200 Jahren

Allein mit Werkzeug und Wissen aus dem Mittelalter entsteht seit 2013 eine komplette Klosterstadt: Die Baustelle "Campus Galli" basiert auf Plänen aus dem 9. Jahrhundert – ein deutschlandweit einzigartiger Feldversuch.

Es ist eine ungewöhnliche Reise, die unsere Autorin Jane Höck antritt: Sie lässt sich 2018 ins Mittelalter zurückversetzen und beobachtet den Bau einer gewaltigen Klosteranlage in Baden-Württemberg. Auf der Baustelle "Campus Galli" im Wald von Meßkirch trifft sie Handwerker und Ehrenamtliche, die hier mit Mitteln des 9. Jahrhunderts bauen, werkeln und schaffen, was schon vor 1.200 Jahren angedacht war: Eine Anlage auf Grundlage des St. Galler Klosterplans.

Das Ungewöhnliche daran: Der Bau erfolgt ohne Maschinen, ohne modernes Werkzeug und allein mit dem Wissen, das die Menschen vor hunderten von Jahren hatten. Ochsen ziehen Baumstämme, Holzbalken werden mit Äxten bearbeitet, aus der Schmiede ertönt der klingende Ton des Amboss. Das Spektakel schauen sich jährlich 80.000 Besucher auf dieser Baustelle nördlich des Bodensees an, die zahlenden Gäste können den Schmieden, Zimmerleuten und Steinmetzen bei der Arbeit zuschauen. Diese handgemachte Errichtung dauert lange: Die Baustelle wird es wohl noch Jahrzehnte oder vielleicht sogar ein Jahrhundert lang geben.

Autorin: Jane Höck

Redaktion: Beate Wolff und Andrea Peters

Bauen wie im Mittelalter

"Das Mittelalter hautnah erleben", damit wirbt Campus Galli, eine mittelalterliche Baustelle in Badem-Württemberg, knapp 30 km nördlich vom Bodensee. Dahinter verbirgt sich kein mittelalterlicher Vergnügungspark, hier entsteht seit 2013 in einem für Deutschland einzigartigen Feldversuch eine komplette Klosterstadt.

Ein älterer Mann mit weißem Käppchen, Leinenkutte, Kniebundhosen und Stulpen sitzt vor einem Holzhäuschen im Wald am Schnitzbock und fertigt aus langen dünnen Stangen Holznägel.

Schreiner Nicolaj arbeitet allein in einer Einsiedelei im Wald. Er fertigt gerade aus langen, dünnen Eichenstangen Holznägel, die überall auf der Mittelalter-baustelle gebraucht werden. Die Herstellung, sagt Nikolaj, kann Jahre dauern.

Schreiner Nicolaj arbeitet allein in einer Einsiedelei im Wald. Er fertigt gerade aus langen, dünnen Eichenstangen Holznägel, die überall auf der Mittelalter-baustelle gebraucht werden. Die Herstellung, sagt Nikolaj, kann Jahre dauern.

Jürgen Mädler (rechts) ist der Schindelmacher. Er schlägt oder spaltet die Schindel aus dem Holz, mit denen dann die Dächer der Werkstätten und der Kirche z.B. gedeckt werden. Die Schindeln in Campus Galli sind aus Fichte und unbehandelt.

Befestigt werden die Schindel mit Holznägeln. Eine Sisyphosarbeit. Allein für das Dach, das den Werkplatz des Schindelmachers schützt, wurden rund 1500 Schindeln und die dazu gehörigen Holznägel gebraucht.

Neben den Handwerkern, die festangestellt auf der Mittelalterbaustelle arbeiten, gibt es auch viele freiwillige Helfer. Gerade in den Ferien gibt es inzwischen mehr ehrenamtliche Bewerber als Campus Galli beschäftigen kann.

Die Kirche ist das erste, fast fertige Gebäude in Campus Galli. Sie ist komplett aus Holz und dient als eine Art Keimzelle der entstehenden Klosterstadt.

Direkt neben dem Markt, auf dem so genannten Abbundplatz schlagen Holzarbeiter mit langstieligen Äxten nahezu perfekte Balken aus runden Baumstämmen heraus. Zimmermann Michael arbeitet gerade an einem Balken für den zukünftigen Kreuzgang der Kirche.

Zu einem echten Kloster gehört natürlich auch ein Klostergarten. Auf von Holzbohlen eingerahmten Beeten werden Kräuter und Gemüse angebaut. Und zwar genau die Sorten, die Mönche vor 1200 Jahren in ihrem Plan dafür vorgesehen hatten.

Die Kleidung der Campus Galli Mitarbeiter ist ebenfalls von Hand gefertigt. Die Wolle stammt von Schafen aus der Umgebung. Sie wird gereinigt, gekämmt und versponnen. Aus dem fertigen Garn entstehen dann Mützen, Socken und Handschuhe oder es wird auf dem Webstuhl zu Wolltuch weiter verarbeitet.

Fast alle Werkzeuge und Hilfsmittel, die auf der Mittelalterbaustelle zum Einsatz kommen, werden auch hier hergestellt. Korbmacher Mario etwa flechtet Körbe aus Weiden. Die werden zum Transport und für die Lagerung von Lehm, Schutt, Steinen, Wolle etc. eingesetzt.

Die von Steinmetz in Stein gehauene, lateinische Inschrift "Campus Galli" heißt so viel wie das "Gehöft des Gallus". Der Name leitet sich vom Sankt Klosterplan ab. Der wurde vor 1200 Jahren von Mönchen auf der Bodenseeinsel Reichenau für das Kloster Sankt Gallen gezeichnet, aber nie umgesetzt.

"Campus Galli": Bauen wie im Mittelalter

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 30.07.2018 | 20:19 Min.

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