Weit weg von Brüssel

Weit weg von Brüssel

Von Andi Ueding

Stefan Enders ist Fotograf und Professor für Fotografie an der Hochschule Mainz. In sieben Monaten ist er die europäischen Außengrenzen abgefahren. Eine fotografische Hommage an die Menschen Europas mit vielen, sehr persönlichen Begegnungen.

Stefan Enders fotografiert einen Europäer

Stefan Enders hat über 200 Menschen getroffen und mit einer analogen 6x9-Rollfilm-Kamera porträtiert. Die Idee zum Projekt entstand aus einer Frage, die er sich stellte: Was passiert gerade mit diesem Europa, was denken und fühlen die Menschen, die darin leben?

Stefan Enders hat über 200 Menschen getroffen und mit einer analogen 6x9-Rollfilm-Kamera porträtiert. Die Idee zum Projekt entstand aus einer Frage, die er sich stellte: Was passiert gerade mit diesem Europa, was denken und fühlen die Menschen, die darin leben?

Noch immer trennt in West-Belfast eine Mauer, höher als die Berliner Mauer je war, die protestantischen von den katholischen Wohngebieten. Diese beiden Mädchen haben ihre Schuluniform noch nicht abgelegt, als sie ihre beiden Puppen spazierenfahren. Die Mauer verhindert, dass sie den kleinen Puppenwagen auch durch die Straßen auf der protestantischen Seite schieben können.

Die protestantischen Pro-Briten sagen Londonderry, die katholischen irischen Nationalisten nennen ihre Stadt Derry. Am St. Patrick’s Day feiern sie ein Volksfest zu Ehren des irischen Schutzpatrons. Überall sieht man die irische Trikolore: Die Katholiken in Grün, die Protestanten in Orange, das Weiß steht für Frieden zwischen den Konfessionen.

Das "Fest-noz", die bretonische Tanzveranstaltung, ist in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Im Gemeindehaus von Cavan wird die ganze Nacht getanzt. Junge, Alte – alle zusammen, eine wunderbare Atmosphäre.

Ihrem französischen Pendant, der Fremdenlegion, steht die legendäre spanische Legión in nichts nach. Sie gilt als eine der besten Infanterietruppen der NATO. Eine der drei Einheiten ist in Melilla stationiert, der spanischen Stadt an der nordafrikanischen Mittelmeerküste. Über dem Eingangstor steht: "Legionarios a luchar, legionarios a morir. Todo por la patria". (Legionäre zum Kampf, Legionäre zum Sterben. Alles für das Vaterland.)

Sorrent mit seinem Blick auf den Vesuv. Seit Jahrhunderten Sinnbild für die Italien-Sehnsucht der Nordeuropäer. Schriftsteller haben den Ort beschrieben, Maler ihn in Bildern verewigt.

Gerade hat die "HMS Bulwark" im Hafen von Catania angelegt. 1.150 Menschen, die vor dem Ertrinken aus dem Mittelmeer gerettet wurden, kommen nun langsam, über endlose Stunden, aus dem Bauch des britischen Kriegsschiffes. Alles geschieht leise, respektvoll. Es herrscht eine beinahe andächtige Ruhe.

Stefan Dimitrovs zehnköpfige Familie lebt in einer feuchten, verschimmelten Militärwohnung in Zvezdets, Bulgarien. Zwei der kleinen Kinder sind krank. Eine Möglichkeit zu einem Arzt zu gehen gibt es nicht – dazu fehlt ihnen das Geld. "Seitdem ich die Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen konnte, müssen wir das ganze Wasser für zehn Personen in Flaschen vom nächsten Brunnen holen", sagt der 59-Jährige.

Am Denkmal zu Ehren der bulgarischen Luftwaffe trifft Stefan Enders ein fröhlich spielendes Mädchen.

Der menschenleere Bahnhof in Oneşti. Hier lernt Stefan Enders ein Straßenkind kennen, das vor vier Jahren aus dem Heim abgehauen ist. Daniel schnüffelt Haushaltskleber. "Du fühlst keinen Hunger, du fühlst keine Kälte, du vergisst alle deine Probleme", sagt er.

Keine fünf Kilometer von der polnisch-ukrainischen Grenze entfernt befindet sich das NS-Vernichtungslager Sobibór. Die Zahl der überwiegend jüdischen Opfer ist bis heute nicht genau bekannt. Sie soll zwischen 150.000 und 250.000 liegen.

Für die einen "Jerusalem des Nordens": Vilnius als Zentrum jüdischer Kultur und Aufklärung, in dem viele verfolgte Juden Schutz fanden. Für die anderen "Rom des Ostens": Mit seinen über 50 christlichen Kirchen wurde die Altstadt von Vilnius zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Buchtipp:
Stefan Enders "Weit weg von Brüssel" Hardcover, 24x29 cm, 336 Seiten, Edition Lammerhuber Oktober 2017, 78 Euro

Stand: 28.11.2017, 11:08 Uhr