Turbo-Evolution: Tiere im Großstadtdschungel

Zwei Halsbandsittiche im Baum, einer setzt zum Flug an

Turbo-Evolution: Tiere im Großstadtdschungel

Weltweit dehnen sich die Städte aus, auch Tiere wandern dorthin. In urbanen Umgebungen unterliegen die Tiere einer Turbo-Evolution, die sogar neue Arten hervorbringt, hat der niederländische Biologe Menno Schilthuizen erforscht.

Die Städte dehnen sich immer weiter aus, naturbelassene Regionen schrumpfen. Auf der Landflucht sind auch die Tiere: Obwohl es in den Städten immer wärmer wird und Umweltgifte wie Feinstaub die Luft belasten, wandern viele Tiere in Städte ab und unterliegen dann in den Städten einer Turbo-Evolution, die sogar neue Arten hervorbringt.

Das behauptet zumindest der renommierte niederländische Biologe Menno Schilthuizen, der – so der Titel seines in Deutschland erschienenen Buchs – "die rasante Evolution der Tiere im Großstadtdschungel" erforscht. Achim Nuhr hat Schilthuizen in seiner Heimatstadt Leiden besucht und außerdem eine Gruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz durch Köln begleitet. Wie verändern sich Tiere im Klima der Städte? Und was haben wir Menschen damit zu tun?

Autor: Achim Nuhr
Redaktion: Heiko Hillebrand

Turbo-Evolution: Tiere im Großstadtdschungel

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 24.06.2019 17:39 Min. Verfügbar bis 20.06.2020 WDR 5 Von Achim Nuhr

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Menschen und Tiere im Großstadtdschungel

Weltweit dehnen sich die Städte aus, auch Tiere wandern dorthin. In urbanen Umgebungen unterliegen die Tiere einer Turbo-Evolution, die sogar neue Arten hervorbringt, hat der niederländische Biologe Menno Schilthuizen erforscht.

Eine Dohle (Corvus monedula) in Leiden. Stadtvögel singen messbar höher als ihre ländlichen Verwandten, weil ihre Töne so in urbanen Lärmkulissen weiter dringen, haben Wissenschaftler herausgefunden. Stadt-Dohlen sind aufmerksamer und gleichzeitig gelassener, weil bei ihnen stressrelevante Gene mutierten.

Achim Nuhr besuchte den Evolutionsbiologen Menno Schilthuizen in seiner niederländischen Heimatstadt Leiden, wo die beiden auf einer urbanen Safari Tiere fanden, die unter städtischen Bedingungen in historisch kurzer Zeit mutierten. Zu Schilthuizens Lieblingstieren gehören die Schnecken: "Sie bewegen sich langsam. Deshalb kann man ganz einfach beobachten, wie sie sich den lokalen Bedingungen anpassen."

Dunkle Schneckengehäuse sollten im Wald tarnen, die hellen helfen nun gegen das steigende Stadtklima, weil sie die Sonnenstrahlen besser reflektieren. Bei Schilthuizen leben die traditionell und zeitgenössisch gefärbten Schnecken vereint nebeneinander im Garten.

(v.l.n.r.:) Gabriele Falk vom BUND Köln mit Leonie Bremer und Anna Kopal
Am Kölner Theodor-Heuss-Weiher wie an vielen anderen Gewässern mussten im letzten Sommer die Stadtentwässerungsbetriebe eingreifen, um zu verhindern, dass das Gewässer kippt. Leonie Bremer meint: "Daran merkt man, dass das ganze Biotop gestört wird."

Im Theodor-Heuss-Weiher entdecken die drei sogar eine schwimmende Gelbwangen-Schmuckschildkröte. Die Art stammt aus Amerika und fällt nach Angaben des Duisburger Zoos bereits bei dauerhaften Temperaturen unter 15 Grad in den Winterschlaf. Diese Schildkröte ist aber noch kein Vorbote des Klimawandels, sondern wurde wahrscheinlich von ihren früheren Besitzern ausgesetzt.

Damit einheimische Arten nicht weiter verdrängt werden, haben Bürger am Kölner Ebertplatz einen "Blühstreifen" angelegt: Für die junge Generation sind Wildbienen und Marienkäfer mitten in der Stadt schon fast ein exotischer Anblick.

Beim Redigieren seines Skripts für diesen Beitrag hörte der Autor plötzlich lautes Schnattern auf dem Balkon seiner Wohnung in Köln-Ehrenfeld: Zwei Halsbandsittiche (Psittacula krameri) setzten an, das Vogelhaus seines Nachbarn zu stürmen. Die bunten Vögel sind wahre "Neozoons": Ursprünglich in Afrika und Asien zu Hause, brüten sie nach erfolgreicher Anpassung inzwischen zu Tausenden im Rheinland.