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Ukraine - Lehrerin in der "grauen Zone"

Checkpoint auf ukrainischer Seite

Ukraine - Lehrerin in der "grauen Zone"

Im Dorf Staromarjiwka in der östlichen Ukraine gibt es keinen Laden, medizinische Versorgung, Post oder Feuerwehr. Die Ortschaft liegt in der sogenannten "grauen Zone" zwischen den Stellungen ukrainischer Soldaten und moskautreuer Separatisten.

Tatjana Efisko, Lehrerin in einer Schule in Granitne, das formal unter ukrainischen Kontrolle steht

Tatjana Efisko, Lehrerin in Granitne

Tatjana Efisko (50) arbeitet seit 28 Jahren als Lehrerin in der Schule von Granitne, einer Ortschaft die momentan von ukrainischen Militärs kontrolliert wird. Sie wohnt und lebt im Nachbardorf Staromarjiwka, 90 km entfernt von Donezk in der östlichen Ukraine.

Das Dorf Staromarjiwka gehört seit vier Jahren zu der so genannten "grauen Zone". Beide Konfliktparteien beanspruchen Staromarjiwka für sich. Kein Lebensmittelgeschäft, kein Notarzt, keine Feuerwehr, keine Post, keine Arbeit. Der gesamte Dorfrand und die Felder rund um das Dorf sind vermint. Immer wieder flammen dort Kämpfe auf.

Jeden Tag begleitet die Lehrerin Tatjana Efisko 11 Kinder aus Staromarjiwka zum Unterricht, sie laufen ins Nachbardorf Granitne - ständig im Visier sowohl von ukrainischen Soldaten als auch von moskautreuen Separatisten. Auf Schritt und Tritt sind dort die Kriegsschäden zu sehen: ein lebensgefährlicher Weg über die Frontlinie mit Strapazen. Insgesamt liegen etwa 100 Dörfer in der Ostukraine mitten im Kriegsgebiet. Der Krieg ist für die Menschen zum traurigen Alltag geworden. Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl am 31. März 2019 droht die Gewalt entlang der Frontlinie zu eskalieren.

Autor: Roman Schell

Redaktion: Lioba Werrelmann

Ukraine - Lehrerin in der "grauen Zone"

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 29.03.2019 19:39 Min. WDR 5 Von Roman Schell

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Eine mutige Lehrerin im ukrainischen Niemandsland

Seit Jahren kämpfen ukrainische Soldaten und pro-russische Separatisten in der Ost-Ukraine. Mitten durch die Frontlinie in einem Dorf müssen 11 Schulkinderr jeden Tag zum Unterricht. Wie eine unerschrockene Lehrerin deren Recht auf Bildung durchsetzt.

Frontlinie in der Ostukraine (Granitne)

Frontlinie in der Ostukraine. Das Dorf Granitne liegt 90 Kilometer südlich von Donezk. Heute zählt die Ortschaft etwa 1.000 Einwohner – vor dem Krieg waren es 3.000. Granitne wird zur Zeit von der ukrainischen Armee kontrolliert. Die Ortschaft Granitne grenzt an das Dorf Staromarjiwka (oben links). Genau zwischen den beiden Dörfern verläuft die Frontlinie. Es ist streng verboten die Stellungen der ukrainischen Soldaten zu fotografieren. Sie sind aber überall.

Frontlinie in der Ostukraine. Das Dorf Granitne liegt 90 Kilometer südlich von Donezk. Heute zählt die Ortschaft etwa 1.000 Einwohner – vor dem Krieg waren es 3.000. Granitne wird zur Zeit von der ukrainischen Armee kontrolliert. Die Ortschaft Granitne grenzt an das Dorf Staromarjiwka (oben links). Genau zwischen den beiden Dörfern verläuft die Frontlinie. Es ist streng verboten die Stellungen der ukrainischen Soldaten zu fotografieren. Sie sind aber überall.

Checkpoint auf der ukrainischen Seite. Elf Kinder aus der "grauen Zone" laufen jeden Tag zur Schule nach Granitne und zurück – in Begleitung ihrer Lehrerin Tatjana Efisko (50). Ein vier Kilometer langer Weg über die Front mit Strapazen. Wenn es regnet, dann sind das vier Kilometer durch den Schlamm. Ihr Schulweg kreuzt die Frontlinie. Alle Bewohner in dieser Gegend sind permanent im Visier, sowohl von ukrainischen Soldaten als auch von moskautreuen Separatisten.

Seit 28 Jahren unterrichtet Tatjana Efisko in der Schule von Granitne die ukrainische Sprache und Literatur. Im Nachbardorf Staromarjiwka ist sie geboren und aufgewachsen. Studiert hat Tatjana Efisko an der Universität in Donezk. Heute ist Donezk eine Hochburg der moskautreuen Separatisten. Trotz der gefährlichen Lage will Tatjana Efisko hier nicht weg. Sie sagt: "Ich wohne in meinem eigenen Haus in der Nähe von meinen kranken Eltern. Ich kann sie unmöglich irgendwo hinbringen. Ich arbeite in dieser Schule schon seit 28 Jahren. Ich bleibe auch für die Schülerinnen und Schüler hier. Ich kenne sie seit Jahren und wir versuchen alle zusammen diesen Krieg zu überstehen. Ich gehe hier nicht weg. Ganz sicher nicht."

Auf Schritt und Tritt sind die Kriegsschäden in Granitne sichtbar. Jeder Mensch ist in dieser Gegend in permanenter Lebensgefahr. Jederzeit kann es Granaten hageln. Immer wieder pfeifen die Kugeln. Eine Kuhhirtin erzählt: "Ich hatte einen Draht berührt und einen Sprengsatz ausgelöst. Die zweite Bombe schaukelte am weiteren Draht daneben. 13 Splitterwunden hatte ich davongetragen – darunter vier am Kopf. Es ist gefährlich hier. Es wird immer wieder geschossen. Wir hören Maschinengewehre und auch Einzelschüsse. Wir versuchen uns einfach sofort zu verstecken. Nachdem was ich erlebt habe, bekomme ich immer große Angst, wenn wieder gekämpft wird. Die Leute rennen so weit wie sie können. So oft wird hier geballert! Aus allen Himmelsrichtungen! Wir überleben wie wir nur können. Und wir wissen nicht, was die Zukunft bringt."

Die Kühe werden jeden Tag weg von der Frontlinie getrieben. Früher haben sie immer auf der anderen Uferseite geweidet – im Dorf Staromarjiwka. Da, wo die die Kinder herkommen. Inzwischen müssen die Tiere raus aus der "grauen Zone". Die Besitzer treiben sie jeden Morgen einige Kilometer weiter – auf die Felder am anderen Ende des Dorfes. Aber auch der andere Ortsrand ist vermint. Im September letzten Jahres trat eine Kuh auf eine Mine und wurde zerfetzt. Einige Tiere wurden dabei von Splittern so schwer verletzt, das sie von ihren Besitzern getötet werden mussten. Im Dorf Granitne war vor dem Krieg die Landwirtschaft gut entwickelt. Die Minen sind nicht das einzige Problem. Die meisten Felder, die zur Dorfgemeinde offiziell gehören, befinden sich auf der anderen Frontseite. Das ist jetzt Separatistengebiet. "Der Krieg erstickt uns", sagen die Leute hier.

Die Schule in Granitne. Immer wieder proben die Lehrer mit den Schülern eine Evakuierung. Inzwischen würden die Kinder sogar mit geschlossenen Augen den Weg in den Keller finden. Viele Familien sind mittlerweile vor dem Krieg geflohen. Für die Kinder die noch hier sind, ist die Schule zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden: Das Gebäude ist geheizt und es gibt eine warme Mahlzeit. Nicht in jedem Elternhaus gibt es so etwas.

Der Schulunterricht trägt mittlerweile auch ideologische Züge. Die Kleinen sollten zu Patrioten der Ukraine werden. Tatjana Efisko: "Die ukrainische Sprache ist als Fach bei uns in der letzten Zeit plötzlich ganz wichtig geworden. Das kommt von ganz oben. Ich bin damit einverstanden – die ukrainischen Kinder müssen die Sprache gut beherrschen."

Die zerstörte Grundschule eine Straße weiter. Von Mörsern wurde dieses alte einstöckige Gebäude mehrmals getroffen. Das Dach und alle Fenster sind zerstört. Drin liegen zerbrochene Ziegelsteine, zerstörte Fenster und dreckige Möbelteile. Für den Wiederaufbau ist im Dorf Granitne kein Geld da. 

Die Schülerin Daria vor dem ukrainischen Checkpoint auf dem Weg nach Hause. Wenn Daria zurück in die "graue Zone" läuft, wirkt sie angespannt. Sie sagt: "Angst. Das ist was ich jetzt verspüre. Angst. Ich muss jetzt schnellstmöglich nach Hause. Da drüben sind nur Bäume, ein Feld und ein Fluss. Ich könnte mich dort nirgendwo bei einer Schießerei verstecken. Ja … deswegen bekomme ich jetzt wieder Angst … echt. Zu Hause können wir nicht so viel mit Freunden spielen und spazieren. Wir können dort nur lernen und im Internet surfen. Das war’s. Wir gehen abends gar nicht raus, weil wir Angst haben. Es ist dunkel und es wird manchmal geschossen." Links von steht ist ein Stoppschild. Nur die Einheimischen dürfen hier durch. Den Fremden und Journalisten ist es untersagt, sich diesem Checkpoint anzunähern. Die Rebellen da drüben könnten das als Provokation deuten und das Feuer eröffnen. 50 Meter Abstand, lautet die Anweisung.