Mehr Demokratie wagen in Schulen?

Das Bild zeigt einen Stundenplan von Montag bis Freitag. In den Stundenfeldern kleben bunte Post-Its.

Mehr Demokratie wagen in Schulen?

Sollten Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden, was sie, wann sie, wie sie und mit wem sie lernen möchten? Die Anhänger demokratischer Schulen meinen ja. Düsseldorf will eine, Freiburg hat schon eine.

An demokratischen Schulen gibt es weder Klassenarbeiten noch Noten oder Unterrichtszwang. Die Kinder und Jugendlichen entscheiden morgens selbst, was sie machen möchten: in ein Unterrichtsangebot gehen, Brett- oder Rollenspiele spielen, im Garten eine Hütte bauen oder auf dem Fußballplatz toben. Alles kann, nichts muss.

Die Säulen, auf denen eine demokratische Schule aufgebaut ist, sind umfassende Selbstbestimmung im Lernen und konsequente Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler an allen Regeln und wichtigen Entscheidungen des Schulalltags. Die Schulversammlung ist das höchste demokratische Organ der Schule. Dort können die Kinder und Jugendlichen neue Regeln für die Schule vorschlagen. Dann wird darüber debattiert und schließlich abgestimmt. Dabei zählt die Stimme eines Schülers oder einer Schülerin genau so viel wie die einer Lehrkraft.

In Düsseldorf versucht eine Gründungsinitiative schon seit ein paar Jahren, die erste demokratische Schule in NRW zu starten. An der Kapriole in Freiburg gibt es dieses Konzept bereits seit mehr als 20 Jahren. Kann diese Art des selbstbestimmten Lernens auf Augenhöhe mit den Erwachsenen wirklich funktionieren? Vielleicht sogar besser funktionieren? Oder werden diese Kinder später in der Leistungsgesellschaft scheitern?

Autor: Christian Geuenich

Redaktion: Valentina Dobrosavljevic

Brauchen wir demokratische Schulen?

Spielen, Mathe, Yoga oder Handwerken: Sollten Schüler*innen, selbst entscheiden, wann sie was machen wollen? Die Düsseldorfer Gründungsinitiative Demokratische Schule ist dafür. In Freiburg wird es schon ausprobiert.

Haus Kolvenbach besteht aus einem Haupthaus und zwei niedrigeren Anbauten, die sich rechts und links heben dem Haupthaus befinden. Das Gebäude hat beigen Putz, ein rotes Ziegeldach und braune Fensterläden. Es ist von Grün umgeben.

Noch liegt die ehemalige Ausflugsgaststätte "Haus Kolvenbach" im Düsseldorfer Südpark im Dornröschenschlaf. Tom Knevels und Elisabeth Wicke von der Gründungsinitiative Demokratische Schule Düsseldorf möchten, dass dort bald Kinder und Jugendliche selbstbestimmt lernen können und die Bezirksregierung ihrem Vorhaben zustimmt.

Noch liegt die ehemalige Ausflugsgaststätte "Haus Kolvenbach" im Düsseldorfer Südpark im Dornröschenschlaf. Tom Knevels und Elisabeth Wicke von der Gründungsinitiative Demokratische Schule Düsseldorf möchten, dass dort bald Kinder und Jugendliche selbstbestimmt lernen können und die Bezirksregierung ihrem Vorhaben zustimmt.

Auch die Freiburger Kapriole liegt mitten in einem Park. Hier wird schon seit mehr als 20 Jahren das Konzept einer demokratischen Schule gelebt. In diesem Schuljahr muss etwas improvisiert werden, weil ein Teil des Gebäudes abgerissen wurde und gerade durch einen Neubau ersetzt wird.

Im Garten der Schule wird nicht nur Obst und Gemüse angebaut. Hier können die Schülerinnen und Schüler im Zelt spielen, toben oder eine Hütte aus Holzbrettern bauen. Das Geld für die Materialien können sie in der Schulversammlung beantragen. Dann wird demokratisch darüber abgestimmt.

Pädagoge Niklas Gidion arbeitet seit 16 Jahren an der Kapriole: "Wir glauben, dass junge Menschen das Recht haben sollten, selbst zu bestimmen, was sie lernen, mit wem sie lernen und wie sie das lernen. Und dass sie gleichberechtigt in die Entscheidungen mit einbezogen sein sollten, was an ihrer Lerninstitution für Regeln existieren. Wir haben eine Schulkultur, die eine gelebte Basisdemokratie ist."

Die Qual der Wahl: neben Mathe, Deutsch und Englisch gibt es auch Rollenspiele, Yoga, Holzwerkstatt, Bücher schreiben, Papierschöpfen, Backclub, Theater oder das Thema Klimawandel als Angebote.

Vor ein paar Jahren haben Nepomuk (li.) und Laurin (re.) noch täglich Brettspiele gespielt. Laurin wollte sogar Spiele-Erfinder werden. Zuletzt hat er viel Schultheater gespielt und überlegt nun, Schauspieler zu werden. Nepomuks nächstes Ziel ist erst einmal eine neue Holzhütte, die er mit ein paar Freunden bauen möchte.

In der Holzwerkstatt dürfen die Kinder bauen, was sie möchten. An Ideen mangelt es nicht. Ein Junge hat einen Film über ein Eichhörnchenhaus gesehen und möchte es nun nachbauen.

"Ich habe extrem viele Holzautos hier in der Werkstatt gebaut", sagt Janosch. Er und Naomi bereiten sich gerade auf ihren Realschulabschluss vor. Jetzt gehen sie täglich in die Unterrichtsangebote. Früher haben sie eher gespielt und nebenbei trotzdem Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt.

"Ich bin 10 Jahre gerne zur demokratischen Schule gegangen und konnte dann in meinen 3 Jahren auf dem Wirtschaftsgymnasium beweisen, dass ich nicht so viel verpasst habe", sagt Luca Murdolo. Wissenslücken hatte er kaum, aber er musste sich daran gewöhnen "oberflächlich zu lernen und nicht so viel zu hinterfragen". Inzwischen studiert der 25-Jährige.

Mehr Demokratie wagen in Schulen?

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 12.11.2019 19:20 Min. Verfügbar bis 11.11.2020 WDR 5 Von Christian Geuenich

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