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Neugier genügt mit Ralph Erdenberger

Lesen als Strafe

Altes aufgeschlagenes Buch

Lesen als Strafe

Vor über zehn Jahren wurden Straftäter in Deutschland erstmals zum Lesen eines Buches verurteilt. Was als Resozialisierung von Gerichtshilfe und Sozialpädagogik begrüßt wird, löst Kopfschütteln bei Schriftstellern aus – und die alte Frage nach dem Sinn von Pflichtlektüren.

Einen 21-jährigen Demonstranten, der Steine auf Polizisten geworfen hatte, verurteilte das Amtsgericht Frankfurt vor mehr als zehn Jahren neben einer Geldstrafe zur Lektüre des Buches "Deutschland im Blaulicht – Notruf einer Polizistin" von Tania Kambouri. Das Amtsgericht Dortmund verurteilte einen linken Demonstranten zur Lektüre des 800 Seiten (!) starken historischen Sachbuchs "Terror und Traum: Moskau 1937". Das Buch des Historikers Karl Schlögel hat die Massenmorde in der Ära Stalins zum Thema.

Unweigerlich stellt sich hier die – alte – Frage nach dem Sinn der "Pflichtlektüre" und dem Erfolg von Lesen als Erziehungsmaßnahme. Lesen als Strafe? Wer bloß "zu Büchern greift, die nützlich sind", so der Schriftsteller Karl-Markus Gauss, habe das "wahre Glück des Lesens noch nicht entdeckt, das im vermeintlich Überflüssigen" liege. Hinter dieser Aussage steckt die Annahme, dass, wer zum Lesen gezwungen wird, eigentlich als Leser oder Leserin verloren ist.

Von einem Urteil, dass einen Täter oder eine Täterin zum Besuch von Lesungen mit einem Schriftsteller verurteilt, ist bisher nichts bekannt. So eine Veranstaltung kann zermürbend und desillusionierend sein. Denn nicht jeder Schriftsteller kann lesen, auch wenn bei einer solchen Veranstaltung ein Hauch von Authentizität durch den Saal weht. Friedrich Schiller, zweifelsohne ein großer Schriftsteller, war ein miserabler Vorleser. Die Lesung des ersten Aktes von "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" erduldete das Auditorium noch zähneknirschend, aber beim zweiten Akt fanden immer mehr Zuhörende Gründe, den Raum zu verlassen.

Herbert Hoven über Sinn und Unsinn von "Lesen als Strafe" und mit einen Rückblick auf die Kulturgeschichte des Lesens.

Autor: Herbert Hoven

Redaktion: Gundi Große

Lesen als Strafe

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 22.10.2021 21:07 Min. Verfügbar bis 21.10.2022 WDR 5 Von Herbert Hoven


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