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Go, Kanada, go!

Kanada-Fähnchen

Go, Kanada, go!

Während Deutschland beim Thema Einwanderungspolitik noch streitet, ist Kanada längst weltweites Vorbild. Die Bevölkerung empfindet Menschen von woanders nicht als Problem, sondern als Notwendigkeit. Das ist keine Zauberei. Sondern Ergebnis einer geregelten Zuwanderungspolitik. 

"Du bekommst deine Nummer. Und damit hast du eine Krankenversicherung, du kannst sofort arbeiten, alles tun. Sobald du den Flughafen hier verlässt, kannst du durchstarten." Was Syrerin Ruba verblüfft nach ihrer Flucht in dieses Land erlebt, erfahren hier jährlich rund 300.000 Menschen: Wer reinkommt, ist gewollt. Im Kampf gegen Arbeitskräftemangel und Überalterung nimmt Kanada nach einem transparenten Punktesystem soviele Arbeitsmigranten und Flüchtlinge auf, wie es braucht. "Migranten nach Maß", kritisieren die einen – "Migranten mit Maß", sagen die anderen. Denn gerade weil sich die Bevölkerung nicht überfordert fühlt, steht sie hinter der Einwanderungspolitik. Ist sie Teil davon. Ein Großteil der aufgenommenen Flüchtlinge wird von Privatleuten – und nicht von der Regierung – gesponsort.

Wer da ist, darf sofort arbeiten und sich in die Gemeinschaft einbringen. Nach drei Jahren kann jeder die kanadische Staatsbürgerschaft beantragen. Der Erfolg gibt dem System recht: Der Nachwuchs der Zuwanderer, der stark gefördert wird, erreicht die besten Abschlüsse an Schulen und Universitäten. In der Regel empfindet sich schon die zweite Generation als Kanadier. Dahinter steckt kein Geheimnis. "Die Aufnahme von Zuwanderern ist bei uns kein Gutmenschentum", sagt der kanadische Schriftsteller und Aktivist John Ralston Saul. "Wir brauchen Menschen, die uns helfen, dieses Land voranzubringen." Und dabei helfen "ein Einwanderungsministerium, ein Zuwanderungsgesetz und eine transparente Flüchtlichspolitik, die den Menschen Vertrauen gibt". 

"Refugees Welcome": Kanada meint es ernst

Knapp 37 Millionen Menschen leben in Kanada – und jedes Jahr kommen Hunderttausende aus aller Welt hinzu. Denn anders als die Europäer freuen sich die Kanadier über Immigranten und tun vieles dafür, dass sie im Land bleiben.

Skyline von Toronto

Ob Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten – Kanada heißt beide Gruppen willkommen. Jeder bekommt sofort die permanente Aufenthaltsgenehmigung. Rund 300.000 Menschen immigrieren jährlich. Zugezogene können nach drei Jahren die kanadische Staatsbürgerschaft beantragen.

Ob Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten – Kanada heißt beide Gruppen willkommen. Jeder bekommt sofort die permanente Aufenthaltsgenehmigung. Rund 300.000 Menschen immigrieren jährlich. Zugezogene können nach drei Jahren die kanadische Staatsbürgerschaft beantragen.

Für rund 80 Prozent der Kanadier sind Zuwanderer nicht etwa eine Herausforderung oder Belastung. Kanada holt Menschen ins Land, damit sie helfen, die Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft zu bereichern. Klare politische Vorgaben geben ihnen dafür den nötigen Rahmen.

Schon seit Jahren werden alle neugeschaffenen Jobs von Einwanderern besetzt. Es gibt einfach nicht genug im Land geborene Fachkräfte. Auf der Grundlage eines ausgeklügelten Punkte-Systems, mit der Begrenzung auf ein ganz bestimmtes Kontingent, wählt Kanada die Menschen aus.

Ruba (rechts) aus Syrien ist mit ihrer Familie von Damaskus über den Libanon nach Kanada geflüchtet. Selbst ohne Flüchtlingsstatus hätte sie gute Karten gehabt: Sie sind eine junge Familie, sprechen Englisch und Rubas Mann ist IT-Spezialist. All das garantiert einen hohen Marktwert im Punktesystem.

Später möchte sich Ruba politisch engagieren. In der kanadischen Regierung gibt es dafür viele Vorbilder. Zwei Sikhs und ein Afghane sitzen im Kabinett von Premierminister Trudeau. Sein Einwanderungsminister stammt aus Somalia: Ahmed Hussein floh dort vor dem Bürgerkrieg.

Neuankömmlinge haben viele Anlaufstellen, um sich erste Hilfe für den Alltag zu holen. "Welcome Center" bieten in allen Städten und Gemeinden gratis Sprachkurse, Job- und Wohnungsvermittlung an. Das Motto ist: Wer kommt, wird nicht allein gelassen und soll so schnell wie möglich auf eigenen Füßen stehen.

Fast ein Drittel der Flüchtlinge werden in ihrem ersten Jahr nicht von der Regierung gesponsert, sondern von Privatleuten oder Firmen. Karen Scott (3. v.l.) ist so eine Unterstützerin. Für die syrische Familie Bakour sammelte sie Spenden und organisierte ein möbliertes kleines Haus am Rande von Toronto. Karen fühlt sich inzwischen wie eine Verwandte.

"Das Wort Integration legt nahe, dass du aufgibst, wer du bist und jemand anderes wirst, um dazuzugehören", sagt der kanadische Autor John Ralston Saul. "In Kanada verfolgen wir hingegen die Idee, dass wir ein Gebilde sind – reich an vielen verschiedenen Persönlichkeiten." Europäer würden das leicht übersehen, meint er.

Die Kinder von Zuwanderern erreichen mit die besten Abschlüsse. In der Regel empfindet sich spätestens die zweite Generation als Kanadier. "Du brauchst dafür einen Einwanderungsminister, ein Einwanderungsministerium, politische Richtlinien. Das ändert den Blick auf Zuwanderer und den Blick der Bevölkerung auf sie", meint John Ralston Saul.

John Ralston Saul hat ein Wörterbuch verfasst, das lehren soll, achtsamer mit der Sprache umzugehen. "Migrant heißt doch: Geh wieder weg. So wie migrierende Vögel. Die kommen und gehen. In meinem Wörterbuch heißt es: Nutzt lieber das Wort Immigrant statt Migrant. Sie wollen doch bei uns bleiben. Staatsbürger werden."
Autorin des Hörfunkbeitrags ist Antje Passenheim.

Autorin : Antje Passenheim

Redaktion: Heiko Hillebrand

Go, Kanada, go!

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 14.12.2018 | 18:20 Min.

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