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Von Gletschern und Suonen in der Schweiz

Aletsch-Gletscher

Von Gletschern und Suonen in der Schweiz

Der Sommer 2018 war in den Alpen mit Abstand der wärmste seit Beginn der Messungen. Das sagt die Schweizer Akademie der Wissenschaften. Dadurch hätten die Gletscher 2,5 Prozent Eis verloren, nur in diesem Sommer!

Vor 15 Jahren hat die UNO den 11. Dezember zum Internationalen Tag der Berge gemacht, um die Probleme der Bergwelten ins Bewusstsein zu rücken. Bereits zwei Jahre zuvor hatte die UNESCO den Großen Aletsch-Gletscher in der Schweiz zum Weltnaturerbe erklärt. Zusammen mit der Jungfrau-Region, den anderen ihn umgebenden Gipfeln und dem Aletsch-Wald.

Der Große Aletsch ist der größte Gletscher in Zentraleuropa und er ist gefährdet. Trotzdem, so die Naturschützer, sollen die Touristen kommen und den Giganten bestaunen. Denn, so sagen sie, nur was man kennt, ist man auch bereit zu schützen. Eva Firzlaff war in den Schweizer Alpen und hat erkundet, was den Aletsch zum Weltnaturerbe macht.

Autorin: Eva Firzlaff

Redaktion: Regina Tanne

Der Aletsch-Gletscher

Majestätisch, beeindruckend – und bedroht. Der "Große Aletsch" ist der größte Gletscher in den Alpen und Weltnaturerbe. Doch das Eis schmilzt rasant.

Von einer Plattform am Bettmerhorn, 800 m über dem Eis, kann man einen Teil des Großen Aletsch überblicken. Hier ist er "nur" 1,5 Kilometer breit. Weiter hinten auf dem Konkordiaplatz fließen drei mächtige Firnströme zusammen. Firn ist alter Schnee, der zu Eis wird. Der Große Aletsch wurde Weltnaturerbe, weil er gleich drei von vier Kriterien erfüllt: Es ist die größte zusammenhängende vergletscherte Zone Zentraleuropas. Auf kürzester Distanz gibt es ganz unterschiedliche Lebensräume. Arktische Gletscherlandschaft, Steppen, große Wasserfälle. Eine Schönheit, die Eingang in Kunst und Kultur gefunden hat.

Von oben sieht der Rand des Gletschers schrundig aus, als ob da eine Riesentatze gekratzt hätte. Dabei sind es richtig tiefe Gletscherspalten, die aus der Höhe so klein wirken. Wenn man dagegen unten auf dem Gletscher steht, erlebt man seine Dimensionen. Doch man sollte nicht alleine gehen, nur mit einem ortskundigen Wanderführer!

Am gegenüber liegenden Hang ist weit über dem  Eis eine Linie zu sehen. Soweit reichte der Gletscher um 1850. Es sind etwa 200 Meter Höhenunterschied. Im World Nature Forum in Naters wird das Leben eines Gletschers erklärt, der kein starres Gebilde ist, sondern ein Fluss aus Eis, der mal schneller und mal langsamer fließt, der wächst und abschmilzt. Das ist vollkommen natürlich, doch die derzeitige Geschwindigkeit des Rückgangs ist  außergewöhnlich. Bis zu 200 Meter Länge verliert der Aletsch jährlich.

Während der Eiszeit lag der Gletscher hoch wie der Eifelturm auf der Riederalp und Bettmeralp, heute die Aletsch-Arena. Doch die 2872 Meter hohe Spitze des Bettmerhorns hatte den Gletscher überragt. Darauf verweist die Unmenge an lockerem Gestein. Solche Gipfel nennt man Nunataker. Berge, die vom Gletscher "überfahren" wurden, sind dagegen glatt geschliffen und abgerundet.

Um 1900 ließ der Bankier Sir Ernest Cassel an exponierter Stelle die Villa Cassel errichten. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war sie Treffpunkt der englischen High Society und später nobles Berghotel. Doch als für eine Renovierung der Villa anschließend das Geld fehlte, stand sie leer, bis die älteste Schweizer Umweltorganisation Pro Natura das Haus fast 50 Jahren zum Bildungszentrum nahe am Gletscher machte.

Unterhalb der Villa Cassel, am Hang über dem Gletscher, erholt sich gerade der Aletsch-Wald von der Übernutzung. Nach der letzten Eiszeit ist in Jahrtausenden der Wald gewachsen. Die Bauern haben reichlich Holz geschlagen, ließen ihre Tiere im Wald weiden, das Waldgefüge kam durcheinander. Schon 1933 wurde der Aletsch-Wald unter Schutz gestellt: Hier kann man beobachten, wie sich die Pflanzenwelt die vom Gletscher freigegebenen Hänge erobert, wie ein neuer Wald entsteht.

Schon seit dem Mittelalter leitet man im trockenen Wallis Schmelzwasser vom Aletsch und von anderen Gletschern über weite Strecken an den Berghängen entlang bis dorthin, wo es gebraucht wird. Bis Mitte Juli hat man Schmelzwasser vom Winter, dann nur noch Gletscherwasser. Die Glaziologen sagen derzeit, dass der Große Aletsch in etwa 90 Jahren geschmolzen sein wird. Dann bleiben nur noch die drei Firne und der Konkordiaplatz wird zum größten See der Alpen. Die kleinen Gletscher jeweils an den Tal-Enden werden schon eher verschwinden. Man muss jetzt überlegen, ob man Stauseen bauen will.

Auch was aussieht wie ein Wildbach wurde von Menschen als Fernwasserleitung angelegt, Suone oder Bisse (französisch) genannt. Die erste schriftliche Erwähnung stammt von 1307. Allerdings wurde damals nicht der Bau einer Suone beschrieben, sondern "Hand ab" als drastische Strafe für Wasserdiebstahl aus einer Suone.

Wenn die Suone einen Bergbach kreuzt, dann entweder in einem kleinen Tunnel oder mit einer Trogbrücke über dem Bach. Niemals gibt es eine Kreuzung zwischen Kanal und Gebirgsbach, denn  im Frühjahr oder nach einem starken Regen würde der reißende Bach die Suone mit Holz, Geröll und Sand verschütten.

Dies ist ein Nachbau einer Bretterkonstruktion, wie sie um 1380 gebaut wurde. Doch an dieser scheinbar unzugänglichen Stelle hing tatsächlich so eine Wasser-Rinne. Man wollte unbedingt Wasser auf die Berghänge bringen. Interessant sind die historischen Bezüge: Im Mittelalter reichte der Ertrag der kleinen Felder an den Hängen gerade für die Eigenversorgung mit Gemüse und Getreide. Doch dann kam die Pest im Jahr 1349, mehr als die Hälfte der Bevölkerung fiel ihr zum Opfer. Die frei werdenden Felder nutzte man für die Rinderzucht. Die Tiere brauchten saftige Weiden, Heu für den Winter und Wasser.

Auch im 19. Jahrhundert gab es einen Grabe-Boom. Nachdem 1859 die Eisenbahn nach Sion kam, konnte man Getreide importieren und Trauben und Wein exportieren. Viele Weinberge wurden angelegt, die Wasser brauchten. Die  zum Teil Jahrhunderte alten Fernwasserleitungen ziehen sich wie ein Spinnennetz über die Berghänge und bringen immer noch Gletscherwasser ins trockene Wallis.

Gletscher und Suonen in der Schweiz

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 11.12.2018 18:57 Min. WDR 5

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