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Dauerhaft leben im Wohnwagen

Peters Parzelle mit Kiesweg direkt am Flussufer

Dauerhaft leben im Wohnwagen

Es klingt paradiesisch, kann aber gerade bei Kälte und Regen zum Albtraum werden: dauerhaft leben im Wohnwagen. Erlaubt ist das in NRW nicht: ein Leben im Wohnwagen ist deshalb oft ein Leben im Schatten.

Rainer ist Hartz-IV-Empfänger und hat keine Wohnung gefunden, dafür aber einen Wohnwagen auf einem Campingplatz im Rhein-Sieg-Kreis. Da dauerhaftes Wohnen auf Campingplätzen laut Baurecht in NRW illegal ist, darf er sich hier nicht melden. Er fürchtet, auf der Straße zu landen.

Peter* wohnt gleich nebenan, an einem Flusslauf hat er seine Wohnwagenparzelle heimlich ausgebaut. Er kam nach dem Scheitern seiner Beziehung und dem Verlust des Hauses hierher. Heute nennt er seinen Platz "sein Paradies“.

Andere haben sich freiwillig für das Leben im Wagen entschieden. Wolfgang* und Ursula* wollen mehr gemeinsame Zeit und die Welt erkunden. Um sich das leisten zu können, haben sie ihre Wohnung gegen ein Wohnmobil eingetauscht. Um bei den Behörden nicht aufzufallen, haben sie sich bei Wolfgangs Eltern gemeldet.

Martin* und Kathrin* leben mit ihren Kindern in Bau-, Wohn- und Zirkuswagen, auf ihrem eigenen Grundstück, aber auf eine Überprüfung wollen sie es nicht ankommen lassen.

Ein Feature über das Leben im Wohnwagen – zwischen Ungewissheit und Freiheit, Hoffnungslosigkeit und Glück.

*Namen von der Redaktion geändert

Autorin: Lena Gilhaus

Redaktion: Lioba Werrelmann

Dauerhaft leben im Wohnwagen

Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland steigt. Viele Menschen mit niedrigerem Einkommen können sich die Mieten nicht mehr leisten. Manche ziehen deshalb in Wohnwagen. Erlaubt ist das in NRW nicht. Ein Leben im Wagen ist deshalb oft ein Leben im Schatten der Behörden.

Einer der Campingplätze im Rhein-Sieg-Kreis an einem Wintertag

Der Rhein-Sieg-Kreis ist bekannt für seine vielen Campingplätze direkt am Ufer der Sieg. Im Sommer nehmen hier viele Städter eine Auszeit in der Natur und ziehen in ihre Wohnwagen. Im Winter sind die meisten Plätze wie ausgestorben. Aber ganz hinten im Wohnmobil brennt Licht. Darin leben Wolfgang und Ursula seit mehreren Jahren. Die Namen haben sie sich ausgedacht, denn ihre Lebensform ist illegal.

Der Rhein-Sieg-Kreis ist bekannt für seine vielen Campingplätze direkt am Ufer der Sieg. Im Sommer nehmen hier viele Städter eine Auszeit in der Natur und ziehen in ihre Wohnwagen. Im Winter sind die meisten Plätze wie ausgestorben. Aber ganz hinten im Wohnmobil brennt Licht. Darin leben Wolfgang und Ursula seit mehreren Jahren. Die Namen haben sie sich ausgedacht, denn ihre Lebensform ist illegal.

Draußen Regen, drinnen Gemütlichkeit. Nach gescheiterten Ehen und Geschäften ist Ursulas und Wolfgangs Konzept heute: wenig Arbeit, viel Freizeit. Unter der Woche stehen sie hier auf dem Platz und gehen zur Arbeit. Am Wochenende erkunden sie Deutschland. Bei nur 300 Euro monatlich für Stellplatz und Nebenkosten können sie sich das leisten. Aus Angst vor den Behörden sind sie bei Wolfgangs Eltern gemeldet.

Mit den anderen Campern auf dem Platz haben Ursula und Wolfgang nichts zu tun, sagen sie. Ob hier jemand wohnt, ist unklar. Weiter hinten am Platz kommt ein junger Mann aus der Tür seines Wohnwagens, er spricht kein Deutsch, kein Englisch, verschwindet schnell wieder. Im nächsten Wagen öffnet ein kräftiger Mann, er ist freundlich, aber auch er möchte nicht sprechen.

An einem Wohnwagen werkelt Philipp und erzählt, dass er seiner Freundin hilft. Sie wolle Miete sparen und aus ihrem WG-Zimmer in Köln aus- und hier auf den Platz ziehen. Gerade wird die Terrasse betoniert, der verschlissene Innenraum soll renoviert werden. Noch vor dem Frühling will sie einziehen.

Rainer muss zum Spülen raus auf den Platz. Die Wasserleitungen für die Parzellen sind im Winter zugedreht. Früher, erzählt er, habe er bei seiner Mutter gewohnt, doch nach ihrem Tod die Miete nicht mehr zahlen können. Dann wurde er geräumt. Als Hartz-IV-Empfänger stehe ihm eine 45-Quadratmeter-Wohnung für rund 360 Euro zu. Aber für diese Monatsmiete habe er nur diesen Wohnwagen gefunden, sagt Rainer.

Hier schläft Rainer. Offiziell melden darf er sich auf dem Platz nicht. Dauerhaftes Wohnen auf einem Campingplatz ist laut NRW-Baurecht illegal. Er fürchtet, jetzt, im Winter, auf der Straße zu landen. Bei seinen Verwandten könne er nicht unterkommen, sagt Rainer, er stehe momentan allein da.

Oft können sich alte, pflegebedürftige Menschen die Mieten nicht mehr leisten. Leo Ingenlath, Präsident des Fachverbands der Freizeit- und Campingunternehmer in NRW, ist dafür, Seniorenresidenzen auf Campingplätzen zu schaffen. Aber: Letzte Rettung Campingplatz sei keine Option: "Campen ist eine attraktive Freizeitform. Wenn der Urlaubsgast mit diesen Gästen zusammenkommt, das harmoniert nicht."

Ob hinter diesem Zaun jemand wohnt, ist ungewiss. Früher gab es auf dem Campingplatz Peisel in Lohmar eine Dauercampersiedlung. Nachdem dort zwei Menschen in ihrem Wohnwagen durch eine Gasexplosion starben, ließ die Stadt die Siedlung 2010 wegen Sicherheits- und Bauvorschriftsverstößen räumen. Der Campingplatz wurde aufgekauft und abgerissen. Seitdem halten sich die Dauercamper im Kreis im Verborgenen.  

Das Lager von "Lohmar hilft". In den Regalen stapeln sich Spenden für Menschen, die alles verloren haben. Manuela Gardeweg ist ehrenamtlich für die kreisweit aktive Initiative tätig, die sich für Wohnungslose und Brandopfer einsetzt. Hier sammelt sie manchmal auch Utensilien für Wohnwagen-Erstausstattungen zusammen, wenn sie Obdachlose übergangsweise auf einem Campingplatz unterbringen konnte.

Gardeweg (links) bespricht sich mit Campingplatzbetreibern, die im Winter Wohnwagen an Obdachlose vermieten wollen, weil dann sowieso kaum Touristen kämen. Gardeweg fordert legale Unterbringungslösungen auf baurechtlich beanstandungsfreien Campingplätzen. "Jetzt erfrieren wieder Obdachlose. Ich kann nicht ohne Zwischenschritt jemanden unter einer Brücke rausholen und sofort in eine Wohnung bringen."

Laut NRW-Bauministerium wird die gesamte Thematik zurzeit hausintern überprüft, um daraus gegebenenfalls eine neue Verordnung zu entwickeln. Durch eine Baugesetzbuchergänzung können Kommunen bereits seit 2017 in manchen Fällen das Wohnen in "Erholungssondergebieten" zulassen. Diese Möglichkeit schließt die Stadt Lohmar aus, weil alle Campingplätze in Überschwemmungs- und Naturschutzgebieten lägen.

Im Überschwemmungsgebiet, direkt am Flussufer, versteckt hinter einem Baum, hat sich Peter (Name geändert) sein kleines "Paradies" geschaffen: Eine Parzelle mit eigens gekiestem Weg. Früher habe er an Sozialphobie gelitten: "Aber so weit wie hier bin ich noch nie gekommen. Ich mache meine Tür zu und bin für mich und kann dann Kraft sammeln, um wieder rauszugehen."

Vor zweieinhalb Jahren kam Peter mit seinem Hund Charly nach einer Trennung auf den Platz: "Die ersten drei Monate waren eine Katastrophe, wir haben hier im Winter kein Wasser. Aber dann hab ich gesagt: Meine alternative Lebensform. Ist halt nicht legal. Aber selbst da kann ich mit umgehen."

Peters Zuhause droht jederzeit die Überschwemmung, für jeden Toilettengang muss er über den ganzen Platz. Abstriche gehörten dazu, sagt er, aber man könne es sich hier auch schön einrichten. Er habe hier Freunde gefunden, die ihn akzeptieren und unterstützen: "Ich möchte dieses perfekte durchgestylte Leben nicht mehr, sondern so leben, dass es mir einfach gut geht. Mehr will ich gar nicht."

Dauerhaft leben im Wohnwagen

WDR 5 Neugier genügt - das Feature 04.03.2020 22:08 Min. Verfügbar bis 04.03.2021 WDR 5 Von Lena Gilhaus

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