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Bigos und Wodka - Ein deutsch-polnisches Familienfest

Bigos und Wodka - Ein deutsch-polnisches Familienfest

In Polen darf niemand hungrig vom Tisch aufstehen. Heißt es. Deswegen nehmen Familien sich Zeit für Einkauf, Zubereitung und Essen. Wie es aussieht, wenn gleich zwei Geburtstage gefeiert werden – mit viel Bigos, Gurken, Wodka und Familienliebe.

Zwei Geburtstage, elf Gäste und eine große Sorge: dass das Essen nicht reichen könnte. Krystyna und Josef feiern ihren 83. und 84. Geburtstag im Kreise der Familie. Und es wird ordentlich aufgetischt.

Schon drei Tage vor der Feier wird eingekauft, gebacken und natürlich schon mal gegessen. Vor allem der Kuchen wird kredenzt, bevor abends wieder etwas Deftiges auf den Tisch kommt.

Oma Krystyna, Mama Dorothea und Autorin Anita Horn stehen sich in der kleinen Küche auf den Füßen. Aber es gibt keine Ausreden. Die süß-sauren Gurken müssen eingelegt werden und Anita lernt, wie genau das nach polnischem Rezept geht.

Oma sucht ihr Hausrezept heraus und übersetzt es für Anita. Die Gurken werden geschält, in Streifen geschnitten, mit Essig, Wasser, Senfkörnern, Zwiebeln und Zucker eingekocht und schmecken immer und zu allem.

Anita und ihr Vater bringen die Braten rüber auf die andere Straßenseite und nehmen für das Frühstück direkt noch ein paar Brötchen mit. Nicht, dass hier jemand Hunger bekommt, bevor es um 12 Uhr Mittagessen gibt.

Der Bäcker höchst persönlich kümmert sich um den Braten. Er gibt etwas Wasser dazu und schiebt die Bräter in den heißen Ofen. Die Restwärme vom morgendlichen Backen reicht für die nächsten drei Stunden aus.

Oma Krystyna ist zufrieden mit dem Ergebnis. Vor dem Essen bricht kurz Hektik aus, die Soße muss noch gemacht werden und alle Gäste an den Tisch zu kriegen, ist hier nicht ganz so einfach. Aber irgendwann sitzen alle. Und essen.

Zu Gans und Ente gibt es gekochte Klößchen, warmen Rotkohl, selbst eingelegte Gurken und frisches Brot vom Bäcker gegenüber. Und natürlich kaltes Bier und ein Schnäpschen zur Verdauung. Pfefferwodka. Selbstgemacht.

Kaum ist der Mittagstisch abgeräumt, wird neu eingedeckt. Bald gibt es Kaffee und Kuchen. Der Pflaumen-Guggelhupf mit Amaretto und Puderzucker ist nur einer von vieren am Geburtstag. Am besten weg geht allerdings Omas Käsekuchen.

Und dann ist auch schon Zeit für das üppige Abendessen. Handgroße Kroketten mit Pilz-Sauerkraut-Füllung und Fleisch, Würstchen, Bigos - ein typisch polnisches Kraut-Wurst-Allerlei, Brot, hausgemachter Schmalz. Ein Festmahl.

Im drei Kilometer entfernten Ort gibt es nur ein paar kleine Minimärkte mit einer kleinen Auswahl an Lebensmitteln. Wenn die Ware ausverkauft ist, ist sie eben ausverkauft. Deshalb kauft die Oma gerne auf Vorrat ein und lagert alles im Keller.

So wie die süß-sauren Gewürzgurken, die kühl und dunkel neben den Mirabellen, den eingelegten Äpfeln, den Stachelbeeren und Spargeln stehen. Je länger - desto leckerer. Die Eier stammen von den hofeigenen Hühnern.

Um 18 Uhr sind alle elf Gäste einschließlich der Großeltern und Eltern versammelt. Ein polnisches Geburtstagslied wird angestimmt, dann wird es ganz ruhig. Denn jetzt gilt alle Aufmerksamkeit dem vielen Essen und Trinken.

Am Tag nach der Feier reist Anita wieder ab. Ihr Opa segnet sie beim Abschied und die Oma packt ihr kiloweise Essen in den Koffer. Das schmeckt auch in Köln noch gut. Vor allem nach schöner Erinnerung.

Stand: 01.04.2019, 09:39 Uhr