Live hören
ARD Infonacht
23.03 - 06.00 Uhr ARD Infonacht

Ruhige Kugeln – Billard zwischen Kult und Sport

Billard?! Ist das nicht, was alte Männer in dunklen Hinterzimmern spielen? Wo sie Bier saufen und 'ne ruhige Kugel schieben? Von wegen. Wer Billard ernsthaft betreibt, braucht viel Grips, ein wenig Glück und vor allem ständiges Training. Aber kein Sport ohne Spaß. Billard bringt gleich viele Kugeln ins Rollen.

Karambolagespieler Christian Rudolph in der Bottroper Billard Akademie

Sein "Stammtisch" steht in der Bottroper Billard Akademie. Christian Rudolph stößt Kugeln über eine tonnenschwere Schieferplatte, in der Königsdisziplin des Billards Karambolage. Seit 2019 trainiert der mehrfache Weltmeister die Deutsche Nationalmannschaft.

Sein "Stammtisch" steht in der Bottroper Billard Akademie. Christian Rudolph stößt Kugeln über eine tonnenschwere Schieferplatte, in der Königsdisziplin des Billards Karambolage. Seit 2019 trainiert der mehrfache Weltmeister die Deutsche Nationalmannschaft.

Helmut Biermann (r.) wuchs am Billardtisch auf, der in der elterlichen Gastwirtschaft stand. Seit 1996 organisiert der Präsident der Deutschen Billard-Union die Dreiband Weltmeisterschaft für Nationalmannschaften in Viersen. In der Bottroper Billard Akademie, im Leistungszentrum NRW, kümmert sich Christian Rudolph um einen Nachwuchs, der es versteht, Bälle zu dirigieren.

Die Billard-Weltmeisterschaft in der Festhalle Viersen ist hierzulande ein nahezu unbekanntes Ereignis. Dabei trifft sich hier jedes Jahr die Karambolage-Weltelite aus sämtlichen Kontinenten und kämpft an vier Tischen um den Titel.

Ronny Lindemann (r.) und Martin Horn sind nicht die Favoriten. Umso mehr freuen sie sich über die Etappensiege. Am Ende hält das deutsche Team Bronze in der Hand, eine gute Platzierung angesichts der starken Spieler aus Korea, Kolumbien, den Niederlanden. Im März 2022 verteidigen die amtierenden Weltmeister aus der Türkei den Titel.

In der Festhalle Viersen lassen sich die beiden Teamkollegen Ronny Lindemann (l.) und Martin Horn (r.) feiern. Der Präsident der Deutschen Billard-Union Helmut Biermann gratuliert den "Außenseitern" zum gewonnenen Viertelfinale. Favoriten sind die starken Spieler aus Korea, Kolumbien, den Niederlanden und die alten und neuen Weltmeister aus der Türkei.

Im Saal ringen die Spieler um den Titel, im Foyer repariert Mike Becker Queues in seiner mobilen Werkstatt, ein Service, den er auf vielen Turnieren anbietet. Der Queue-Bauer lotet die Seele aus, die einem Billard-Stock innewohnt. Sieben Arbeitsschritte braucht es vom Holzbrett bis zum "Zauberstab".

Wie es sich für einen Queue-Bauer gehört, hat Mike Becker viele Geheimnisse. Beim Polieren zum Beispiel rückt er den Billardstöcken, in dem Fall dem oberen Teil, mit Tinkturen zu Leibe, deren Rezeptur er niemals preisgeben würde.

Nicht alle Queues sind Handarbeit, so auch nicht die Billardstöcke in einem Spielehochhaus in Köln. Aber sie sind gut genug, um den Ausgang eines Spiels auszufechten. Die befreundeten Billardpartner:innen vergnügen sich zwischen Pool- und Snookertischen.

Für Viktor Zsori ist Pool-Billard Spaß und Sport zugleich. Er spielt in der Oberliga und trainiert im Billard Sportverein Wuppertal 1929. Die Kunstharzbälle jagt er mit einer Geschwindigkeit über die Schieferplatte, dass sie Brandspuren im Tuch hinterlassen.

Damit der Stoß sitzt, kreidet Viktor Zsoris Vereinskollege Mensur Grišević vor jedem Stoß die Pomeranze ein, das winzige Leder an der Queue-Spitze. Warum er Snooker spielt? "Weil es so unfassbar kompliziert ist. Das fordert meinen Ehrgeiz heraus."

"Man strengt den Kopf mehr an, man muss viel mehr denken als bei Pool." "Und es verlangt Präzision." Gesagt, getan. Im Wuppertaler Verein sind die Wege kurz zwischen den Billard-Varianten. Elvira Irle und Melanie Irle-Morgenroth wechseln Pool gegen Snooker, den kleinen Tisch gegen den großen Tisch, große Kugeln gegen kleine Kugeln.

Elvira Irle ist eine der beiden einzigen Frauen, die im Verein trainieren. Überhaupt fällt die unterdurchschnittliche weibliche Präsenz auf. Die Beiden tragen ihren Status mit Würde. Snooker sei eine Gentleman-Sportart. Niemand foult heimlich. Auf jeden Regelverstoß folgt eine Selbstanzeige. Elvira lacht: "Aber beim Spielen kennen wir weder Gentleman noch Gentlewoman."

Der Beweis folgt auf den Fuß. Spiel-Gegnerin Melanie Irle-Morgenroth stößt ein Snooker. Das heißt, Elvira kann den Ball, den sie treffen muss, nur über Umwege erreichen. Trifft sie nicht, gibt es Punkte für Melanie, "ohne, dass sie dafür was getan hat".

Das Spiel ist aus. Snooker-Spieler Bernd Schade zieht ein schweres, heißes Bügeleisen über das Kammgarn-Tuch. Erst werden die losen Baumwollfasern ausgekämmt, dann geglättet und schließlich in eine Richtung gebügelt. Denn nach dem Spiel ist vor dem Spiel. "Wir spielen, weil wir Spaß am Spielen haben", sagt Bernd Schade. "Und diesen Spaß am Spiel sollten alle Menschen haben, egal in welcher Sportart."

Stand: 22.03.2022, 14:05 Uhr