Der Traum von Deutschland – eine ägyptische Ärztin wandert aus

Familie am Flughafen in Kairo, strahlen in Kamera

Der Traum von Deutschland – eine ägyptische Ärztin wandert aus

Die ägyptische Ärztin Shada aus Kairo erzählt im Februar in einem Radiobericht, dass es ihr Traum ist, in Deutschland zu arbeiten. Der Chefarzt einer Klinik hört den Beitrag und meldet sich. Was dann passiert, ist ein unvorstellbarer Hürdenlauf. Und ein Märchen zugleich.

Alles beginnt mit einem Radiobericht. Im Februar besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel Ägypten. Anna Osius, seit Juli 2016 ARD-Korrespondentin im Studio Kairo, geht in einem Beitrag der Frage nach: Was denken Ägypter über Deutschland?

Porträt Anna Osius

ARD-Korrespondentin Anna Osius

Sie interviewt dafür Menschen aus Kairo, die einen Bezug zur Bundesrepublik haben – und teilweise sehr gut Deutsch sprechen. Darunter ist die Ägypterin Judy Ghoniem. Ihr richtiger Name ist Shada, aber alle Bekannten und Freunde nennen sie Judy. "Ich bin 38, habe ein deutsches Abi gemacht und dann habe ich Medizin studiert. Ich bin Rheumatologin und arbeite am Universitätskrankenhaus in Kairo", stellt sie sich vor. Es war immer ein Traum von ihr, in Deutschland zu arbeiten.

In Ägypten verdienen Ärzte nicht gut

Das erzählt sie auch in dem Radiobericht. In Ägypten verdienen Ärzte nicht gut. "Man hat jahrelang studiert und gehört zu den Besten", sagt Judy. Sie verdient 5.000 ägyptische Pfund im Monat, das sind 250 Euro. Und das bei teilweise hohen Lebenshaltungskosten: "Wir müssen allein für die Schule jedes Jahr 100.000 Pfund bezahlen."

Familienporträt

Seit Generationen ist die Familie mit Deutschland verbunden

Judy hat zwei Söhne, Ahmed (6) Omar (12). Seit Generationen ist ihre Familie eng mit Deutschland verbunden. Ihre Mutter Teti wuchs teilweise im Rheinland auf. Judy besuchte die deutsche Schule in Kairo, genau wie später ihre Söhne. Sie machte in Kairo als Jahrgangsbeste ihr deutsches Abitur. Zuhause wird Deutsch gesprochen.

Der Radiobericht damals wird deutschlandweit in der ARD gesendet – und gehört. Professor Kielstein, Chefarzt am Städtischen Klinikum Braunschweig, ist an diesem Tag mit seinem Sohn auf dem Weg nach Hannover. "Die ägyptische Ärztin hat in so einem perfekten Deutsch gesprochen", erinnert er sich, "dass mein Sohn mich anguckte und sagte: Die spricht besser Deutsch als meine Deutschlehrerin."

Der Ärztemangel hier ist mit Händen zu greifen

Kielstein braucht dringend Personal. Der Ärztemangel sei mit Händen zu greifen, sagt er. Jemanden wie Judy Ghoniem hätte er gerne in seinem Team. Er meldet sich noch am gleichen Tag bei der Radiostation. Der Kontakt wird hergestellt. Mit zittrigen Fingern ruft Judy zum ersten Mal aus Ägypten in Braunschweig an. Wenige Wochen danach fliegt sie nach Deutschland, um Braunschweig und die Klinik kennenzulernen. Judy ist direkt begeistert.

Deutsche Schule in Kairo

Die deutsche Schule in Kairo, die Judy und ihre Söhne besucht haben

Und doch – trotz aller Nähe zu Deutschland: Der Schritt auszuwandern ist doch noch etwas anders. Denn ihr Facharzt in Rheumatologie wird in Deutschland nicht anerkannt. Judy würde wieder fast von vorne anfangen, als normale Stationsärztin. Und sie weiß, dass ein Leben in der Fremde nicht einfach sein wird. Sie ist gläubige Muslimin, trägt Kopftuch. Und fürchtet, in Deutschland als Flüchtling abgestempelt zu werden. "Es ist meine Entscheidung. Es heißt nichts weiter, als dass ich mich zu meiner Religion bekenne."

Es gibt keine Alternative

Aber Judy sieht für sich und ihre Familie keine Alternative. Ägypten steckt in einer massiven Wirtschaftskrise. Das Pfund wurde abgewertet, es herrscht Inflation. Die Preise für Lebensmittel haben sich teilweise verdoppelt. Die Gehälter blieben meist auf niedrigem Niveau. Hinzu kommt, dass die Arbeitsbedingungen in ägyptischen Krankenhäusern schlecht sind. Rund 60.000 Ägypter arbeiten mittlerweile als Mediziner in den Golfstaaten, das sind rund 30 Prozent aller ägyptischen Ärzte. Auch der Judys Mann arbeitet in Saudi-Arabien – damit sich die Familie das Schulgeld für die Kinder weiter leisten kann. Die beiden führen eine Fernbeziehung. "Ich bin wie eine alleinerziehende Mutter. Auf Dauer ist das nicht gut", meint Judy.

Von Ägypten nach Deutschland: Hürdenlauf und Märchen

Ein Visum, das auf sich warten lässt. Ein entscheidendes Dokument, das fehlt. Hunderte Mails, diverse Stellen, die eingeschaltet sind: Am Ende kommt Shada "Judy" Ghoniem mit ihrer Familie nach Deutschland und darf als Ärztin arbeiten.

Schriftzug, Deutsche Botschaft in Kairo

Judy hätte nicht gedacht, dass der Weg nach Deutschland so viele Hürden bereithält. Zahlreiche Termine hat sie bei der Deutschen Botschaft in Kairo.

Judy hätte nicht gedacht, dass der Weg nach Deutschland so viele Hürden bereithält. Zahlreiche Termine hat sie bei der Deutschen Botschaft in Kairo.

Und immer die Sorge, ob die Unterlagen alle komplett sind. Manchmal fragt sie sich, ob es das Paradies sein wird, das sie sich vorstellt. "Ich weiß, dass nirgendwo das Paradies ist. Aber man muss schon glauben, dass es ein besseres Leben gibt, sonst macht das hier alles keinen Sinn", findet sie.

Ahmed und Omar vor der Visa-Stelle. Der Sechsjährige schaut auf die hohen Mauern und den Stacheldraht. "Warum versteckt sich Deutschland hinter so hohen Mauern?", fragt er. "Damit nicht die falschen Leute reinkommen", antwortet ein Passant. Sein großer Bruder Omar tröstet ihn: "Wir sind nicht falsch, Ahmed. Wir nicht."

Judy ist optimistisch, dass es mit dem Visum klappt. Aber es werden Wochen und Monate der Zerreißprobe. Der Plan war eigentlich, in den Sommerferien nach Deutschland zu ziehen. Doch Judy steckt im Behörden-Wirrwarr fest. Die Erlösung, als sie endlich ihr Visum in den Händen hält.

Sofort bucht sie für sich und ihre Familie einen Flug nach Deutschland. Es geht los.

Auch Judys Mutter Teti fliegt mit, um ihrer Tochter in der ersten Zeit zu helfen. Judys Ehemann ist noch in Saudi-Arabien, er kommt nach. Alle sind aufgeregt.

Durch die Sicherheitskontrolle geht es in ein neues Leben.

Die Kinder gehen schon am nächsten Tag in ihre neuen Schulen in Braunschweig. Mit mehr als sechs Wochen Verspätung beginnt für sie das Schuljahr. Sie müssen viel nachlernen. Aber die Klassen nehmen beide freundlich auf. Omar findet schnell neue Freunde.

Der kleine Ahmed braucht länger – die Gruppen in der ersten Klasse sind schon gebildet. "Sein Sitznachbar hat ihn getröstet", erzählt Mutter Judy. "Mach dir nichts draus, ich bin auch braun. Der Sitznachbar kam aus Südamerika."

Ahmed hatte sich so auf den deutschen Regen gefreut. Jetzt mag er ihn doch nicht so. Aber der Schnee sei toll, sagt er.

Judy mit ihren Kolleginnen am Klinikum Braunschweig. Sie ist einfach erleichtert, dass alles geklappt hat.

Bei den Patienten und Kollegen sei sie sehr beliebt, sagt ihr Chef Jan Kielstein. Nach allen Hürden ist es am Ende ein bisschen wie im Märchen. Was ein Radiobeitrag auslösen kann...

Der Traum von Deutschland

So entsteht der Traum von Deutschland – das Leben in einem Land, in dem Mediziner besser bezahlt werden, Kinder kostenlos zur guten Schule gehen dürfen. Ein Land, das Ärzte dringend braucht. In Deutschland sind derzeit etwa 35.000 ausländische Ärzte an den Krankenhäusern beschäftigt, so die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Das bedeute, dass etwa jeder fünfte Arzt ausländische Wurzeln hat. Der Bedarf ist da, heißt es weiter, 2.000 Stellen im ärztlichen Dienst könnten nicht besetzt werden.

Arzt und Ärztin neben Medizingerät

Prof. Jan Kielstein hat sich für Judy Ghoniem eingesetzt

Im Klinikum Braunschweig trifft Judy auf Kollegen aus dem Jemen, aus Syrien und Osteuropa. Doch im Gegensatz zu ihren Kollegen spricht sie Deutsch wie ihre Muttersprache. Für Chefarzt Jan Kielstein ist sie die perfekte Bewerberin. Sie nimmt das Angebot aus Braunschweig an.

Was Judy nicht ahnt: Es ist der Beginn eines monatelangen bürokratischen Hürdenlaufs. Das Visum lässt auf sich warten, es fehlt eine Berufserlaubnis aus Deutschland. Die Situation ist festgefahren. Die Aussagen der Behörden scheinen widersprüchlich. Professor Kielstein schreibt mehr als 300 Mails, er ist fassungslos: "Verschiedene Institutionen haben sich nicht gescheut, Wassergräben und Mauern mit Stacheldraht aufzubauen, in einer Vehemenz, die ich nicht für möglich gehalten hätte."

Das Hin und Her wird zur Katastrophe

Für Judy wird das Hin und Her zur Katastrophe. Die Kinder verpassen den Schulanfang in Deutschland. Für die neue Wohnung dort bezahlen sie bereits Miete. Die Stellen in Ägypten und Saudi-Arabien sind gekündigt.

Familienbild

Am Ende glücklich und am Ziel

Am Ende Erleichterung, als das Visum doch ausgestellt wird. Es geht nach Deutschland. Nach weiterem zermürbendem Warten auf die Berufserlaubnis unterschreibt Judy endlich ihren Arbeitsvertrag für sechs Jahre am Klinikum Braunschweig. Die Familie ist am Ziel.

Judy ist einfach nur froh und glücklich, dass alles geklappt hat. Das Unverständnis über den bürokratischen Aufwand bleibt bei Chefarzt Kielstein. Und dennoch: "Ehrlich gesagt finde ich die Personalakquise übers Radio das Beste, was uns bislang in Braunschweig passiert ist", resümiert er.

Der Traum von Deutschland - eine ägyptische Ärztin wandert aus

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 21.12.2017 | 20:41 Min.

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Stand: 19.12.2017, 17:46