"Wunder von Thailand": Was uns bewegt - und warum

Videostill zeigt die in einer Höhle in Thailand eingeschlossenen Jungen einer Fussballmannschaft, 03.07.2018

"Wunder von Thailand": Was uns bewegt - und warum

13 junge Männer sitzen fest, weit weg in Thailand - und die Welt schaut gebannt auf ihre Rettung. Zur selben Zeit ertrinken im Mittelmeer Flüchtlinge, während Bootsretter vor Gericht stehen. Wie geht das zusammen? Ein Kommentar von Holger Senzel.

Ein Fußballteam geht durch ein Nadelöhr. Legen Sie mal ein Lineal auf den Tisch und messen Sie 38 Zentimeter ab – so schmal war die engste Stelle des abgesoffenen Tunnels. Scharfkantiger Schiefer, die Sicht in der schlammigen schwarzen Brühe gleich null, da halfen auch keine Lampen. Um da durchzupassen, mussten die Taucher ihre Atemluftflasche vom Rücken abnehmen – und gleichzeitig jeweils einen Jungen an einer Leine hindurchziehen. Sediert von Beruhigungsmitteln, damit er nicht in Panik gerät.

"Wunder von Thailand": Was uns bewegt - und warum

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 11.07.2018 | 03:06 Min.

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Das Wunder von Thailand – es kennt viele Helden. Den Einsatzleiter, der sich zum schnellen Handeln entschloss. Die 19 Marinetaucher. Den Trainer der Jugendfußballer. Ein 25 Jahre alter Buddhist, der den Kindern sein letztes Essen gab, mit ihnen meditierte und sie so vor dem Durchdrehen bewahrte. Die Jungen selbst natürlich, die in Briefen ihren verzweifelten Eltern draußen vor der Höhle noch Mut machten und nach 17 Tagen in einer dunklen, feuchtkalten Höhle lächelnd nach ihrem Lieblingsessen fragten.

Und alle Eltern auf der ganzen Welt, jede Mutter und jeder Vater kann sich hineinversetzen in die panische Angst und Sorge um die geliebten Kinder. Ja, ich hatte auch feuchte Augen, als ich die letzten Krankenwagen mit den Jungen mit Blaulicht vom Höhlengelände wegfahren sah. Wo in unserem Beruf ja – gemäß einem alten Bonmot - sonst eher die schlechten Nachrichten die wichtigen Meldungen sind – und die guten eigentlich gar keine News. Und mal ehrlich: in der nüchternen Relevanzbewertung von Nachrichtenmachern ist das sogenannte Höhlendrama durchaus kein Topthema: 13 junge Männer sitzen fest, weit weg in Thailand – während in Indonesien bei einem Fährunglück über 200 Menschen sterben, ohne dass jemand davon Notiz nimmt und die Flutkatastrophe in Japan mit vielen Opfern, zerstörten Städten und verwüsteten Landschaften unter ferner liefen läuft. Oder direkt vor unserer Haustür im Mittelmeer Tausende Flüchtlinge ertrinken und nicht wenige fordern, sich einfach abzuwenden, die Grenzen dichtzumachen. Und die Retter vor Gericht stehen, weil sie Menschen nicht ersaufen ließen: "Ach Gott, was soll denn das schon wieder? Das kann man doch nicht vergleichen?"

Ich weiß jetzt schon, was in den Bemerkungen zu meinem Kommentar im Netz stehen wird, wenn auch weniger freundlich formuliert. Aber natürlich kann man das vergleichen! Die Mutter mit dem Säugling auf dem Arm in einem überfüllten roten Schlauchboot auf dem Mittelmeer ist genauso krank vor Sorge wie die Mutter des Jugendfußballers in Thailand oder Sie oder ich, wenn wir unser Kind nicht beschützen können. Aber so ist der Mensch halt, dass er eher mit einem Einzelnen mitfühlt als mit einer Masse. Dass ein Gesicht ihn mehr anrührt als eine Zahl. Doch wenn wir hinter den Zahlen nicht Probleme sehen, sondern uns Gesichter vorstellen – dann ist das schon ein wichtiger Schritt gegen die Gleichgültigkeit, mit der Barbarei gemeinhin beginnt.

Redaktion: Patrick Fina

Stand: 10.07.2018, 15:45