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Deutsche Einheit: "Es ist noch ein langer Weg"

Plakate zur Einheitsfeier 2019

Deutsche Einheit: "Es ist noch ein langer Weg"

Eine "gespaltene Nation" sei Deutschland nicht mehr, sagt der Soziologe Steffen Mau im WDR 5 Morgenecho. Seit 1990 hätten sich die Menschen aus Ost und West "vermischt und integriert". Der Weg bis zur Vollendung der Deutschen Einheit sei allerdings noch lang.

Deutsche Einheit: "Noch ein langer Weg"

WDR 5 Morgenecho - Interview 02.10.2019 05:27 Min. Verfügbar bis 01.10.2020 WDR 5

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"Das Glas ist wahrscheinlich genauso halb voll wie halb leer", sagt Steffen Mau. Der Soziologe forscht an der Humboldt-Universität in Berlin, wer "die Deutschen" sind. In seinem aktuellen Buch "Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft" beschreibt er sein eigenes Leben - vor und nach dem Fall der Mauer.

Ein Bild, das er wiederholt verwendet: Die deutsche Wiedervereinigung als Knochenbruch, den es zu kurieren gilt. Ein Bruch heile von selbst, wenn man ihn gut schient. Bei der deutschen Einheit klappe das mit dem "Schienen" - mit der Stabilisation der Verletzung, so dass sie in Ruhe heilen kann - aber noch nicht reibungslos.

"Ein bisschen schief zusammengewachsen"

Porträt von Steffen Mau

Steffen Mau, Soziologe

Um die Genesung zu beschleunigen, schlägt Mau vor, den Prozess der Wiedervereinigung kritisch zu reflektieren. Vielleicht müssten wir uns "von der Erwartung verabschieden, dass sich der Osten verwestlicht", so der Soziologe. Also dass sich die Ostdeutschen in die gesamtdeutsche Gesellschaft integrieren.

"Wir sind ein bisschen schief zusammengewachsen, auch weil in der Vergangenheit ein paar falsche Weichenstellungen gemacht wurden. Das müssen wir als Realität akzeptieren und versuchen, das Beste daraus zu machen."

Mau lehnt es ab, die Ost-West-Spannungen immer nur als Problem wahrzunehmen. Die Deutschen sollten sie auch als Chance sehen - denn der Osten habe ja durchaus "ein bisschen was zu bieten": So hätten die ostdeutschen Bundesländer etwa eine Menge Transformationserfahrung. Zudem hätten sie in der Vergangenheit in einigen Bereichen Pionierrollen eingenommen. Das sei viel zu wenig gesehen worden.

Der Osten in der Pionierrolle

Beispiele sieht Mau etwa bei Formen und Foren politischer Beteiligung und Artikulation, etwa bei der Zivilcourage, den Montagsdemos oder dem Widerstand gegen die Stasi. Außerdem bei Fragen der Sozial- und Familienpolitik, Stichwort Poliklinik oder Kinderhort. Und auch bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen habe der Osten - im Kontext der Diktatur betrachtet - im Rückblick fortschrittliche Elemente offenbart, so der Soziologe.

All diese Entwicklungen seien in den Wiedervereinigungsprozess eingebracht worden. In den Neunziger Jahren hätten sie im Westen noch kaum Akzeptanz gefunden, inzwischen habe sich die Gesellschaft aber grundlegend verändert. Es sei nun möglich zu erkennen, dass sich zum Teil auch der Westen in eine Richtung transformiert hat, die durch den Osten vorgegeben war.

Menschen stehen während des Mauerfalls auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor

Berlin, 9. November 1989

Die Blickrichtung ändern

Steffen Mau ist überzeugt, dass es hilfreich wäre, wenn die Menschen in Deutschland häufiger mal die Blickrichtung ändern würden. "Was würde eigentlich passieren, wenn man ostdeutschen Journalisten für eine Woche die Chefredaktionsposten in München, Hamburg oder Frankfurt geben würde", fragt er sich zum Beispiel. Und diese dann den Westen in den Blick nehmen, wie andersherum manchmal auf den Osten geschaut würde?

Das überbordende Selbstbewusstsein des Westens könnte dann an der ein oder anderen Stelle schon mal ins Wanken geraten, glaubt der Soziologe. Er wolle die Probleme im Osten nicht wegdiskutieren. Doch er sei überzeugt, dass es einer Gesellschaft gut tut, auch mal aufgerüttelt zu werden.

Die offiziellen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit finden 2019 in Kiel statt.

Stand: 02.10.2019, 11:36