Schrägstrich - Netzdurcheinander

Heiko Mass blickt auf sein Handy, 19.05.2017

Schrägstrich - Netzdurcheinander

Das Internetzensur-Gesetz aus dem Hause von Bundesjustizminister Maas wird endgültig zur Groteske: Jetzt entscheiden die sozialen Netzwerke auch noch was Satire ist. Die Glosse von Peter Zudeick.

Ach Gott, ist das alles wieder aufregend. Wie blöd darf eigentlich ein Justizminister, ja eine ganze Regierung sein? Anstatt Hass und Hetze im Netz zu verhindern, verhindern sie Meinungsfreiheit. Und als Super-Ober-Gala-Pointe wird auch noch ein Uralt-Tweet des Ministers selbst gelöscht, in dem er Thilo Sarrazin einen "Idioten" nennt. So wird hierzulande die Wahrheit unterdrückt!

Schrägstrich - Netzdurcheinander

WDR 5 Morgenecho - Glosse | 10.01.2018 | 02:57 Min.

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Ja, gut, so könnte man das sehen. Ich glaub das aber nicht. Also dass unsere Regierenden so dumm sind, dass sie so’ne Sache so verbaseln. Die haben sich bestimmt was dabei gedacht. Vor allem der Herr Maas. Der wollte in all seiner saarländisch-hinterhältigen Pfiffigkeit mal zeigen, wie unfähig und dämlich die großen Netzbetreiber sind. Die sind ja schon seit langem verpflichtet, Hass und Hetze aus dem Netz zu entfernen. Das funktionierte bloß nie so richtig. Und um das durchzusetzen, machte Maas das Durchsetzungsgesetz.

Das Durcheinander, das er damit angerichtet hat, war beabsichtigt. Damit die twitternden und facebookenden und sonst wie dem vernetzten Schwachsinn frönenden Vollpfosten endlich mal merken: Ihr gebt euch Leuten in die Hand, die noch vollere Vollpfosten sind als ihr. Die sind so blöd, dass sie echten Hirnriss nicht von humoristisch gefälschtem Hirnriss unterscheiden können. Also Frau von Storch nicht von der "Titanic".

Auf diese Weise kann die AfD jammern, dass dieses Netzdurcheinander-Gesetz von vornherein dazu gemacht war, die freie Meinungsäußerung von frei gewählten Rechtsfront-Abgeordneten zu unterbinden. Und die "Titanic" bekommt kostenlose bundesweite Werbung in allen Medien. Und vor allem werden irgendwelche Beinahe-Humoristen zu Satirikern hochgejubelt, bloß weil die Putztruppen der Netzbetreiber sie in einem Wisch mit aus dem Netz gekehrt haben.

Zum Beispiel diesen Text: "Solange es hier weiter Tradition ist, an Silvester "Dinner for One" zu gucken, können die Flüchtlinge gerne herkommen und unsere Kultur kaputt machen." Dieser müd-bemühte Scherz einer jungen Dame, von "Spiegel online" zur Satirikerin ernannt, wurde ebenso entfernt wie der Eintrag eines Videobloggers, der sich über Idole beschwert, die sich als miese Charaktere entpuppen. Und der schließt: "Das tut wirklich weh. Wie dem auch sei, Heil Hitler!" Und nach Entfernung seines Tweets jammert er: "Die besten Witze haben ‚H... H.....!‘ als Pointe. Wie soll ich denn so Comedy machen?" Heil Hitler als Pointe – selten so jelacht. 

Also wenn unsere geliebte Obrigkeit beabsichtigt haben sollte, all die schlechten Spaßmacher im Netz zu entlarven, wäre ich ja einverstanden. Blöd ist nur, dass das auch nicht funktioniert. Denn die Jungs und Mädels von der Spießerhumorfront können sich jetzt hinstellen und sagen: Mein Tweet ist gelöscht, also bin ich Satiriker. Dass es dazu kommen konnte, werde ich dem Maas niemals verzeihen. 

Redaktion: Golo Schmidt

Stand: 09.01.2018, 16:31