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Missbrauch: "Vor allem ein gesellschaftliches Problem"

Eingang des Canisius-Kollegs

Missbrauch: "Vor allem ein gesellschaftliches Problem"

Dank seines Rektors endete vor zehn Jahren am katholischen Canisius-Kolleg das Stillschweigen über dortige Missbrauchsfälle. Vom Umgang der katholischen Kirche mit dem Skandal hätte Deutschland gelernt, so Theodor Dierkes in seinem Kommentar.

Deutschland kann der katholischen Kirche dankbar sein. Sie hat ein Donnerwetter über sich ertragen wie kaum je zuvor. Sie hat so viele Maßnahmen ergriffen. Sie hat gestritten mit Betroffenen und Kritikern. Und die Öffentlichkeit ist wach geworden. Und schaut zum Glück weiter genau hin. Deutschland lernt von der Kirche. Ohne den katholischen Skandal kein Runder Tisch Missbrauch, kein Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung. Ohne die berechtigte Wut der Öffentlichkeit auf die ach so heiligen Täter nicht so viel Kritik an mächtigen Filmbossen. Die MeToo-Bewegung zeigt es: Heute wird Opfern eher geglaubt!

Missbrauch: "Vor allem ein gesellschaftliches Problem"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 28.01.2020 02:40 Min. Verfügbar bis 26.01.2021 WDR 5 Von Theodor Dierkes

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Es stimmt nicht, dass der Missbrauch katholisch ist. Im kirchlichen Raum ist er nur ganz besonders böse. Missbrauch ist vor allem ein gesellschaftliches Problem, ist vor allem ein Problem in Familien, Nachbarschaften, Vereinen. Bergisch Gladbach und Lügde haben einen tiefen Blick in menschliche Abgründe ermöglicht. Kindesmisshandlung in nie gedachtem Ausmaß. Mehr als 14.600 Fälle wurden 2018 im Bundesgebiet aufgedeckt. Ein Drittel mehr als 2009. Durchschnittlich zwei Opfer in jeder Schulklasse. Welch ein Skandal! Und er dauert an! 

Die heftigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre haben uns alle weitergebracht. Haben uns lernen lassen von den Opfern. Zum Beispiel, dass sie nicht Opfer bleiben wollen. Nein, sie sind Betroffene und in manchen Fällen auch Überlebende von sexueller Gewalt. Und sie sind ihr Leben lang Betroffene, während die Täter selbst nach einer Verurteilung schnell wieder raus sind.

Das Thema ist auch nach 10 Jahren für die katholische Kirche in Deutschland überhaupt nicht erledigt. Machtstrukturen müssen geändert, eine gestörte Sexualmoral überwunden, Frauen gleichberechtigt werden. Dafür gibt es diesen so genannten Synodalen Weg, die Diskussion zwischen Kirchenvolk und Bischöfen. Am kommenden Wochenende ist ein erstes Zusammentreffen. Und unerledigt ist auch die Entschädigung. Die katholische Kirche hat die Betroffenen bisher mit 9,8 Millionen Euro abgespeist. Das hat das Erzbistum Köln in der Portokasse. In den letzten Jahren hatte Köln jedes Jahr 10 Millionen Euro mehr Einnahmen aus der Kirchensteuer als im Vorjahr. Missbrauchsbetroffene brauchen wirkliche Entschädigungsleistungen. All das sind Lehren aus dem Missbrauchsskandal. Die Konsequenzen stehen noch aus oder kommen zu langsam. Das ist in der Kirche wie in der Gesellschaft. Hoffen wir, dass die Betroffenen nicht nachlassen. Ihr Einsatz rettet Kinder.

Redaktion: Lisa Schöffel

Stand: 27.01.2020, 15:55