Mafia kann "immer noch ungehindert" Kontakte pflegen

BKA-Beamte bei einer Razzia gegen die italienische Mafia (Duisburg, 05.12.2018)

Mafia kann "immer noch ungehindert" Kontakte pflegen

"Geldwäsche sieht man nicht", sagt die Publizistin Petra Reski. Deswegen sehe der Bürger lieber Ermittlungen gegen die Islamisten-Szene als gegen die Mafia. Um dieser beizukommen, sei jedoch "kontinuierliche strukturelle Ermittlung" notwendig.

WDR 5: Wissen wir wirklich, wo die Mafia 'Ndrangheta in Deutschland überall ihre Finger im Spiel hat?

Petra Reski: Man weiß es eigentlich seit Jahrzehnten sehr gut. Die Ermittler in Deutschland, sowohl Staatsanwälte als auch Polizisten haben eigentlich ein ganz gutes Bild über die Lage, wenngleich sie in den letzten Jahren einige Rückschläge erfahren haben. Weil eben in den Jahren seit 2001 sehr viele Beamte abgezogen worden sind, so dass für Strukturermittlungen immer weniger Leute zur Verfügung standen. Und das ist eine wichtige Sache in der Ermittlung zum Thema Mafia. Die Clans, um die es jetzt bei diesen Verhaftungen geht, spielen eine Rolle. Sie sind spätestens seit 2007 aktenkundig, weil sie in das Mafia-Massaker von Duisburg verwickelt waren.

Mafia kann "immer noch ungehindert" Kontakte pflegen

WDR 5 Morgenecho - Interview | 06.12.2018 | 06:06 Min.

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WDR 5: Dieses Mafia-Massaker von Duisburg mit sechs Toten vor dem Restaurant "Da Bruno", das hat auch uns alle aufgeweckt. Bis dahin haben wir möglicherweise gedacht, mafiöse Strukturen gibt es nur im Ausland. Jetzt erfahren wir, dass es 14 Festnahmen (Anmerkung der Redaktion: mittlerweile 18) allein in Nordrhein-Westfalen, gab. Gibt es Schwerpunkte, mit denen die 'Ndrangheta hier im Land aktiv ist?

Petra Reski

Die Journalistin Petra Reski beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Mafia

Reski: Die kalabrische Mafia 'Ndrangheta ist diejenige, die in Deutschland am erfolgreichsten und am meisten präsent ist. Sie ist, genau wie die anderen Mafia-Organisationen auch, in den 1960er Jahren im Gefolge der anständigen Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, Demzufolge zuerst in die Industriezentren, also ins Ruhrgebiet, dann nach München und in den Raum um Stuttgart wegen der Automobilindustrie.

Nach dem Fall der Mauer haben sie sich dann auch im Osten ausgebreitet, vor allen Dingen in Thüringen und in Sachsen, aber auch an der Ostseeküste, und heute dann natürlich in ganz Deutschland.

Wo sie einmal angesiedelt sind, bleiben sie natürlich dann auch gerne, weil sie einfach da die besten Kontakte pflegen. Und das konnten sie bislang, das können sie eigentlich bis heute ungehindert. Ich wundere mich dann immer über den medialen Aufschrei: Huch, wir haben die Mafia in Deutschland. Dann wird sie sofort wieder vergessen innerhalb von zwei Tagen. Und die Geschäfte laufen genauso gut weiter wie vorher.

WDR 5: Was wäre die Alternative?

Reski: Die Alternative wäre eben eine kontinuierliche Strukturermittlung. Genau darüber klagen ja sehr viele Ermittler, dass genau dieses eben nicht mehr geschieht, sondern dass die ganze Energie in Ermittlungen in der Islamistenszene gesteckt wird. Weil das eben dem Bürger auch besser in die Vorstellung passt. Weil die Gefahr für den Durchschnittsbürger natürlich eher von den bärtigen Islamisten ausgeht als von dem netten Gastwirt, der dir am Ende des Abends dann auch nochmal einen Grappa ausgibt. Geldwäsche sieht man nicht.

WDR 5: Wir haben in der ARD vor wenigen Tagen die Recherchen veröffentlicht, dass Deutschland einer der beliebtesten Standorte für alle Leute ist, die illegales Geld einspeisen wollen in den legalen Kreislauf. Das heißt, Sie fordern den Gesetzgeber gleich an zwei Fronten auf zu kämpfen: nämlich einmal die Polizei besser auszustatten und dann aber auch dagegen vorzugehen, dass hier Geldwäsche leichter ist als in vielen anderen Ländern der Welt?

Reski: Genau das. Es gibt gewisse Gesetzeslücken und das ist das, was die 'Ndrangheta und alle anderen Mafia-Organisationen vor allen Dingen anzieht. Dass es jetzt hier um Rauschgift geht, wundert mich überhaupt nicht. Die einzige Möglichkeit für Ermittler rechtlich dagegen vorzugehen, ist über Rauschgiftdelikte. Die nachzuweisen, ist relativ einfach in Deutschland. Aber Geldwäsche und das Ganze, was damit zusammenhängt, nachzuweisen, ist viel, viel schwieriger, weil wir die Beweislastumkehr haben. Der Ermittler muss nachweisen, dass dieses Geld aus unsauberen Quellen kommt.

Polizisten bei einer Razzia

Reski fordert bessere Gesetze gegen Clan-Kriminalität

Die Mafia-Zugehörigkeit ist, im Unterschied zu Italien, kein Delikt in Deutschland, sondern es gibt nur die kriminelle Vereinigung nach Art der Mafia und da muss die Vorbereitung eines konkreten Verbrechens nachgewiesen werden. Wo hingegen in Italien die alleinige Zugehörigkeit zur Mafia bereits eine Straftat ist.

Also da gibt es einige Sachen, die wichtig wären. Was die Geldwäsche betrifft, macht Deutschland eine sehr schlechte Figur. Gerade wenn man bedenkt, dass die Mafia ein europaweites Problem ist, eigentlich ein weltweites Problem. Deutschland bietet sich da sozusagen an als Finanzplatz erster Güte. Das muss sich ändern.

Die Fragen stellte Uwe Schulz im Morgenecho vom 06.12.2018. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und ist gekürzt. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 06.12.2018, 13:00