Konfliktforscher: "Wir müssen Werte vermitteln"

Flüchtlinge Unterkunft

Konfliktforscher: "Wir müssen Werte vermitteln"

Dass die Gewalt unter geflüchteten Jugendlichen zunimmt, sei eine Folge fehlender Integration, sagt der Konfliktforscher Andreas Zick im WDR 5-Interview. Auch jenen Menschen, deren Abschiebung wahrscheinlich ist, müsste eine Zukunftsperspektive vermittelt werden.

Die Kriminologen Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem haben im Auftrag des Bundesfamilienministeriums eine Studie über jugendliche Straftäter und Flüchtlingskriminalität durchgeführt. Grundsätzlich gibt es in Deutschland seit Jahren einen positiven Trend: Die Zahl der Raub-, Mord und Körperverletzungsdelikte geht zurück. In der Gruppe der Flüchtlinge steigt die Zahl der Straftaten jedoch an.

Mehr Gewaltkriminalität durch mehr Flüchtlinge?

WDR 5 Morgenecho - Interview | 04.01.2018 | 07:56 Min.

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Andreas Zick ist Konfliktforscher. Er leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

WDR 5: Dass die Zahl der Straftaten von Flüchtlingen ansteigt, ist insofern nicht verwunderlich, als dass die Zahl von Flüchtlingen insgesamt zugenommen hat. Reicht das, um diesen Anstieg von Straftaten zu erklären?

Andreas Zick: Nein. Das ist sicherlich erstmal ein Befund, den man ernst nehmen muss. Wenn wir erwarten, dass solche Migrationsbewegungen nicht auch mit Abweichungen, mit Devianz [bezeichnet in der Soziologie die Abweichung von der Norm, Anm. d. Red.] und Straftaten einhergehen, dann macht man sich selbst was vor.

Andreas Zick,  Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld

Insofern sollten wir jetzt nicht alle so furchtbar überrascht sein. Man muss genau hingucken, um welche Delikte es geht. Da sind viele Raubdelikte dabei. Da geht's um die Beschaffung von Dingen, die andere haben und Flüchtlinge nicht. Sie kommen ja in einer neuen Gesellschaft an.
Daneben muss man aber jetzt ganz genau hingucken, wie es dazu kommt. Diese Taten werden nicht im Vorfeld hochmotiviert mit der Zuwanderung verbunden. Man reist nicht aus, um genau diese Straftaten zu begehen. Das sind eher ganz andere Gruppen. Sondern das hat etwas zu tun mit den Lebensumständen, den Perspektiven der jungen Menschen, vor allen Dingen der jungen Männer, die keinen Aufenthalt bekommen, deren Perspektive in Deutschland gegen null geht. Die sind in einem Schwebezustand und landen dann in Milieus, in denen die Deliktwahrscheinlichkeit höher ist.

WDR 5: Bei diesen Männern geht es um die Gruppe der Nordafrikaner. Dabei ist es doch auch relativ klar, wenn man in Tunesien oder in Marokko losgeht, um nach Europa zu kommen, dass es mit dem Asyl schwierig wird. Ich würde die These in Zweifel stellen, dass die nicht kommen, um sich vielleicht durch Beschaffungskriminalität hier zu finanzieren und sich ein besseres Leben zu ermöglichen.

Zick: Zum Teil haben wir das ja gesehen, aber das sind nicht unbedingt die Asylsuchenden. Wir hatten das ja auch bei der berühmten Kölner Silvesternacht, dass wir da unter den Tätern, die aus Nordafrika kamen, Täter hatten, die gekommen sind, aber dann auch wieder ausgereist sind. Natürlich gibt es das. Die Gruppe der Täter ist auch sehr heterogen. Wir haben bei den Taten zig nationale Unterschiede. Da gibt es auch diese Gruppen, ganz klar. Man wandert ja auch in ein Land, an das man bestimmte Erwartungen hat.

Wir müssen jetzt die Wanderungen in bestimmte Milieus genau identifizieren. Dort, wo wir dann Drogenkriminalität haben, die zum Teil von nordafrikanischen Gruppen organisiert ist – diese Milieus ziehen Zuwanderung auch nach sich. Das kann man beobachten, aber es sind viele andere Ursachen, die eben auch eine ganz große Rolle spielen.

WDR 5: Nämlich?

Besucher betrachten am Silvesterabend eine Lichtinstallation des Künstlers Ingo Dietzel in Köln.

Zick: Das eine ist die Lebensperspektive. Wir sehen in der Studie, da wo keine Sprachförderung stattfindet, da wo Jugendliche im Schwebezustand sind, junge Menschen, die keine Aktivität haben, wo sie in Unterkünften sitzen, sich langweilen, herumstehen, auf der anderen Seite überhaupt nicht die Möglichkeiten haben, irgendwie Bindung zu finden, da steigt die Wahrscheinlichkeit von abweichendem Verhalten.
Macho-Ideale anderer Kulturen kann man jetzt bemängeln, aber dann muss man dafür sorgen, dass Werte vermittelt werden. Wir haben bei der letzten Kölner Silvesternacht eine große Respekt-Kampagne in vielen Sprachen gemacht, um deutlich zu zeigen, hier gelten andere Werte und Normen. Schon vermittelt man das. Da spielen individuelle Faktoren zum Teil aber auch eine Rolle. Die jungen Menschen kommen aus Familien, haben eine ganz andere Erziehung genossen. Sowas spielt eben auch bei der Zuwanderung eine Rolle.

WDR 5: Die Kriminologen erklären sich den Rückgang bei der Kriminalität bei Minderjährigen insgesamt dadurch, dass in Familien in Deutschland grundsätzlich weniger Gewalt herrscht, dass weniger geschlagen wird. Ist das ein Unterschied zum Beispiel zu Flüchtlingen, die hierher kommen?

Zick: Ja, sehr deutlich. Die alte Vererbungsthese bei der Gewalt stimmt. Wenn Sie selbst Gewaltopfer waren in der Kindheit, in der frühen Kindheit, im Jugendalter, dann vererbt sich diese Gewalt. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit. Da spielt Migration oder Herkunft überhaupt gar keine Rolle. Das ist auch in Deutschland so, bei Menschen, die nie gewandert sind. Gewalt vererbt sich.

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Sie haben immer noch eine sehr gewaltorientierte Erziehung in manchen Kulturen, in manchen Herkunftsgebieten und das drückt sich dann hier sehr deutlich aus. Das sehen wir eben bei den körperverletzenden Gewaltdelikten. Das sind Opfer auch selbst von Gewalt, die eine höhere Wahrscheinlichkeit haben. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass man da nicht auch etwas dagegen setzen kann und nicht Menschen auch beibringen kann, wie man in einer anderen Kultur ohne Gewalt auskommt.

WDR 5: Wie schafft man es konkret, die Gewaltbereitschaft in der Gruppe der minderjährigen Flüchtlinge zu senken?

Zick: Wir brauchen einen Integrationsplan. Wir müssen dorthin gehen, wo sich die Jugendlichen aufhalten. Wir müssen dort Räume anbieten, wo diese Jugendlichen dazu neigen, in kriminelle Milieus abzudriften.

Wir haben sehr viele kollektive Taten. Das heißt, diese Taten werden nicht einzeln begangen, sondern im Schutz der anderen. Die Täter üben Sexualdelikte aus, weil sie vermeintlich geschützt sind durch andere Jugendliche. Deswegen sind wir jetzt zum Beispiel ganz aktiv in der Kölner Silvesternacht auf Gruppen zugegangen und haben versucht, sie aufzulösen. Wir müssen Integration ernst nehmen und Integration gilt für alle. Wir müssen uns auch über die jungen Menschen, die abgeschoben werden sollen, die hier keine Zukunft haben, Gedanken machen. Haben wir einen Plan B, eine Zukunftsperspektive? Auch das steht ja in der Studie. 

WDR 5: Aber warum soll man denen einen Plan B anbieten, wenn sie dann doch zurückgehen müssen?

Zick: Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der Werte und Normen gelten, die ohne Ansehen der Herkunft eine Rolle spielen sollten. Wir sehen ja auch aus der Erfahrung, dass jede Form der Aufarbeitung von Gewalt, auch im Kontext von Zuwanderung, uns selbst in der Prävention nur stärker machen kann. Hier gelten Recht, hier gelten Werte und Normvorstellungen. Da darf man nicht unterscheiden nach Herkunft.

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Das zwingt uns aber auch dazu, diese Werte und Normen zu vermitteln. Wir können nicht voraussetzen, dass Menschen, die hier hinkommen, automatisch diese Werte und Normen haben. Das ist kein einfacher Assimilationsprozess, sondern das muss man vermitteln. Wir müssen eben auf die Integrationsqualität achten.
Die Zahlen sehen jetzt dramatisch aus, aber das Deutsche Forum Kriminalprävention hat schon vor zwei Jahren darauf hingewiesen, dass die Zahlen oft dramatisch aussehen. So signifikant ist der Anstieg nicht. Es könnte nach anderen Modellrechnungen höher ausfallen. Wir brauchen einfach einen Sozial- und Integrationsplan für Menschen, die eben Gewaltaffinität haben. Das stärkt dann die Gesellschaft selbst auch.

Die Fragen stellte Andrea Oster im Morgenecho vom 04.01.2018. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und ist gekürzt. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 04.01.2018, 11:00