Arbeitsmarktrekorde mit Schönheitsfehlern

Blick auf Baukräne am Alexanderplatz in Berlin am 27.08.2017

Arbeitsmarktrekorde mit Schönheitsfehlern

Von Peter Mücke

Die Konjunktur brummt, die Zahl der Arbeitslosen ist niedrig. Doch bei all der berechtigten Freude über die guten Nachrichten täuschen die Zahlen nicht über strukturelle Probleme hinweg. Ein Kommentar von Peter Mücke.

Rekorde, Rekorde, Rekorde... Noch nie hatten so viele Menschen in diesem Land einen Job wie im vergangenen Jahr. Die Zahl der Arbeitslosen hat den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht. Und ein Ende des Booms auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist laut Experten auch im kommenden Jahr nicht in Sicht. Doch der berechtigte Jubel über die guten Zahlen darf nicht über die Probleme hinwegtäuschen, die es weiterhin gibt und die sich zum Teil sogar verschärfen. Trotz des seit mittlerweile zehn Jahren anhaltenden Job-Booms ist es nicht gelungen, den Sockel der Langzeitarbeitslosen nennenswert zu senken. Die Zahl der Menschen, die ein Jahr oder länger ohne Arbeit sind, verharrt bei rund einer Million. An ihnen ging jeder Aufschwung und Beschäftigungsrekord vorbei. Erst seit einigen Monaten liegt die Zahl etwas niedriger. Ob sich dieser Trend verstetigt, bleibt abzuwarten.

Arbeitsmarktrekorde mit Schönheitsfehlern

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 04.01.2018 | 03:12 Min.

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Mehr Menschen beziehen Hartz IV

Hinzu kommt: Zu den 2.533.000 Menschen, die im vergangenen Jahr im Schnitt arbeitslos waren, kommt noch mal knapp eine Million hinzu, die "Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik" durchlaufen, also Jobtrainings oder auch Integrationskurse für Flüchtlinge. Die sogenannte Unterbeschäftigung - die vielleicht sogar realistischere Arbeitslosenzahl - lag im Jahresschnitt also bei über 3,5 Millionen. Und dann sind da noch die rund 2,7 Millionen erwerbsfähigen Menschen, die 2017 Arbeitslosengeld 2 bezogen haben, und nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen, weil sie Aufstocker sind, kleine Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder noch in Ausbildung sind. Insgesamt ist die Zahl der Menschen, die Hartz IV beziehen, nach Rückgängen in den vergangenen Jahren 2017 wieder leicht gestiegen, was hauptsächlich auf die Flüchtlinge zurückzuführen ist, die nach Deutschland gekommen sind.

Qualifizierungsoffensiven an den Grenzen

Am anderen Ende der Arbeitsmarkt-Skala hat sich die Lage ebenfalls nicht gebessert. Auch wenn die Bundesagentur für Arbeit weiterhin nicht von einem flächendeckenden Fachkräftemangel spricht, gibt es Engpässe: im technischen Bereich, bei den Bauberufen, aber auch bei Gesundheit und Pflege. Die deutsche Wirtschaft sucht mehr Mitarbeiter als jemals zuvor. 772.000 offene Stellen verzeichnet die Behörde. Da aber nicht alle gemeldet werden, muss man von 1,1 Millionen Stellen ausgehen , die nicht besetzt werden können. Was also tun? Die Qualifizierungsoffensiven für Langzeitarbeitslose sind an ihre Grenzen gestoßen. Auch das Potential bei arbeitswilligen qualifizierten Frauen und älteren Erwerbstätigen scheint so gut wie ausgeschöpft. Und dass die Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind und weiterhin kommen, den Fachkräftemangel kurzfristig lösen können, ist bei realistischer Betrachtung auch nicht in Sicht.

Es braucht ein Einwanderungsgesetz

Dringender denn je braucht es ein Einwanderungsgesetz, das qualifizierte Menschen gezielt nach Deutschland bringt. Auch wenn es den einen unmenschlich erscheint, Hürden aufzubauen, damit mehr Fachkräfte aus dem Ausland kommen, und die anderen noch immer bestreiten, dass Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland ist: Wenn die Sondierer von Union und SPD endlich den Mut für ein solches Gesetz aufbringen würden, dann hätte sich das Warten auf eine neue Regierung schon gelohnt.

Redaktion: Brigitte Simnacher

Stand: 03.01.2018, 17:37