Pro und Contra Familiennachzug

Ein Mitglied des Flüchtlingsrats Berlin hält am 20.03.2017 in Berlin ein Schild mit der Aufschrift "Ich vermisse meine Familie" in den Händen.

Pro und Contra Familiennachzug

Von Jens Wiening und Julia Barth

Union und SPD haben sich auf einen Kompromiss beim Thema Familiennachzug geeinigt. Der bis Mitte März gültige Stopp soll demnach bis Ende Juli verlängert werden. Zur schwierigen Abwägung im Pro und Contra, Julia Barth und Jens Wiening.

Den Familiennachzug zu erlauben, sei wichtig für die Integration der Flüchtlinge und für ein so großes Land wie Deutschland kein Problem, findet Julia Barth.

Familiennachzug: Pro

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 31.01.2018 | 01:53 Min.

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Manchmal lohnt er sich ja - der Blick in den Duden. Zum Stichwort "vorübergehend" steht da: 'nur zeitweilig', 'momentan'. Die Flüchtlinge, über deren Rechte in puncto Familiennachzug jetzt seit Wochen gestritten wird, sollen nach dem Willen der Union vor allem deshalb ihre Familie nicht nachholen dürfen, weil sie ja nur vorübergehend hier sind, in absehbarer Zeit also wieder nach Hause gehen. Nämlich dann, wenn ihr Fluchtgrund wegfällt. Nur fällt dieser Fluchtgrund - etwa der Bürgerkrieg in Syrien - erfahrungsgemäß so schnell nicht weg. Im Gegenteil. Häufig bleibt er über Jahre bestehen.

Familiennachzug fördert Integration

Und genau deshalb sollten Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus hier dieselben Rechte haben, wie anerkannte Asylbewerber, also auch ihre Familie nachholen dürfen. Das hilft ihnen ohne Zweifel bei der Chance auf Integration, weil dann die Sorge um den Ehepartner oder die Kinder im Krisengebiet wegfällt. Das ist das zwingende Signal einer Regierung, die womöglich auch weiterhin aus Parteien besteht, die die Worte sozial und christlich im Namen tragen. Und das kann man von einem Land erwarten, das selber mal auf die Humanität anderer angewiesen war.

Aber weil das zur Humanität dazugehört, sollten wir den Menschen gleichzeitig keine falschen Hoffnungen machen. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, den Familiennachzug auf 1000 Menschen pro Monat zu begrenzen. Denn schon das ist eine Zahl, die die Botschaften bei der Erstellung von Visa an ihre Kapazitätsgrenzen bringt. Selbst großzügige Schätzungen gehen davon aus, dass es maximal 200.000 Menschen sein werden, die so nach und nach zusätzlich zu uns kommen. Das kann und muss ein wirtschaftsstarkes 82-Millionen-Einwohner-Land schultern. Zum Stichwort Humanität steht im Duden übrigens auch etwas: Menschlichkeit.

Der Familiennachzug sei nicht sinnvoll, kommentiert Jens Wiening. Die Aufnahme der Familien würde Fluchtursachen nicht beheben und den Wiederaufbau in den Heimatländern der Flüchtlinge nur erschweren.

Familiennachzug: Contra

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 31.01.2018 | 01:47 Min.

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Es ist richtig, den Familiennachzug – bis auf wenige Ausnahmen – weiterhin auszusetzen. Es war von Anfang an klar: Wer nur den eingeschränkten Schutzstatus hat, soll früher oder später in sein Heimatland zurückkehren. Das sollte die Akzeptanz und die Bereitschaft in der Bevölkerung fördern, diesen Menschen zeitlich befristet zu helfen. Es sollte auch helfen, die zeitweise unkontrollierte Öffnung der Grenzen zu akzeptieren. Wegen einer akuten humanitären Notlage. Das war das politische Versprechen.

Hilfe beim Wiederaufbau im Herkunftsland

Wer den Familiennachzug will, um eine Integration in der Gesellschaft zu fördern, bricht mit diesem Versprechen. Es war nie das Ziel, subsidiär Schutzberechtigte dauerhaft zu integrieren. Die Menschen werden hoffentlich bald in ihren Heimatländern gebraucht. Vielen von ihnen besitzen die Fachkenntnisse und Qualifikationen, um den Wiederaufbau zu schaffen. Nur so können nachhaltig künftige Fluchtursachen bekämpft und bessere Lebensbedingungen für alle geschaffen werden. Dabei muss die Bundesregierung behilflich sein.

Es sollte auch das mittelfristige Ziel sein, ausreichend heimatnahe Schutzzentren unter menschenwürdigen Bedingungen aufzubauen, damit Familien zusammenbleiben können. Damit sich nicht Einzelne auf den gefährlichen Weg machen, und ihre Familienmitglieder zurücklassen, bis sie diese vielleicht nachholen können. Da hat die Bundesregierung gemeinsam mit den Vereinten Nationen versagt.

Die mangelhafte Ausstattung der großen Flüchtlingslager hat erst weitere Motive für die Flucht geschaffen. Wir müssen lernen, ehrlich zu trennen zwischen denen, die kurzfristig aus humanitären Gründen unsere Hilfe brauchen. Denen, die aus rein wirtschaftlichen Motiven eine neue Zukunft wollen, und denen, die politisch verfolgt sind und Anspruch auf Asyl haben. Deshalb brauchen wir dringend ein Zuwanderungsgesetz, mit dem wir nach kanadischem oder australischem Modell die Zuwanderung steuern. Je offener und weniger ideologisch verblendet diese Diskussion geführt wird, umso mehr Menschen wird damit mittel- und langfristig geholfen. Wer wirklich humanitär handeln will, sollte das Wohl aller im Blick haben.

Redaktion: Patrick Raulf

Stand: 30.01.2018, 17:08