Organspendeausweis: Ausfüllen!

Organspendeausweis

Organspendeausweis: Ausfüllen!

In den Niederlanden gilt jeder als Organspender, der sich nicht aktiv dagegen ausspricht. Aber auch ohne eine solche Regelung kann man ganz einfach Klarheit schaffen. Und es kostet nur zwei Minuten, meint Willi Schlichting in seinem Kommentar.

Ich hatte mal so einen Ausweis: blau, orange, beige. Zwei Adressfelder, fünf Ankreuzmöglichkeiten, Datum, Unterschrift: fertig in zwei Minuten. Wenn man weiß, was man will in dieser Frage von Leben und Tod. Ich wusste es und nahm am Wochenende bei Ausflügen mit dem Motorrad, Straßenkarten und Organspendeausweis ganz selbstverständlich mit. Der Verstand sagte, gut gemacht; das Bauchgefühl sagte, hoffentlich werden nur die Straßenkarten gebraucht.

Organspendeausweis: Ausfüllen!

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 15.02.2018 | 03:23 Min.

Download

Dann flog 2012 in Deutschland der Organspendeskandal auf: Es ging los in Göttingen und blieb nicht dabei. Empfängerlisten für wichtige Organe waren manipuliert worden. Und dann war der Ausweis nicht mehr dabei. Bis heute. Und nicht nur bei mir: Deutschland hatte im vergangenen Jahr den tiefsten Stand bei den Spenden seit 20 Jahren. Trotz verbesserter Kontrollen an den Kliniken scheint das Thema durch zu sein für potentielle Spender. Und dann kommen in dieser Woche die Niederländer und stellen die Weichen neu: Alle Bürger werden gefragt, ob sie nach dem Tod Organe spenden wollen oder nicht. Wer sich nicht entscheidet, wird automatisch als Spender registriert.

Es ist nicht originell beim Nachbarn abzuschreiben, aber genauso ein Gesetz brauchen wir. Denn dieses Gesetz ist die richtige Reaktion auf das menschliche Trägheitsgesetz. Wir wissen, Organspende ist wichtig, ja, auch unser Weiterleben könnte einmal davon abhängen. Nein, ausfüllen möchte ich den Ausweis jetzt nicht. Sterben ist kein schönes Thema. Muss es auch nicht sein, aber für den Gesetzgeber kann es eine solche Verdrängungstoleranz nicht geben.

In Deutschland gilt die "Erweiterte Zustimmungslösung". Wer sich zu dem Thema nicht verhält, wird kein Organspender, es sei denn die Angehörigen übernehmen für den dann Verstorbenen die Entscheidung. Vielen Dank auch! Und was ist mit meiner Selbstbestimmung, mit der möglichen Verfassungswidrigkeit, mit der katholischen Kirche, die darauf besteht, dass Organspende eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben soll.

Liebe katholische Kirche und liebe Kritiker einer Regelung, die 18 andere europäische Staaten anwenden: Eine bewusste Entscheidung! Genau die werden die meisten von uns wohl nur treffen, wenn sie ansonsten in der Organspenderdatenbank landen. Das klingt kalt und nach staatlicher Willkür. Aber nur wenn man bewusst ausblendet, dass wir entscheiden sollen und das die bisherige Nicht-Entscheidung ja auch eine ist: nämlich nicht zu spenden.

Es ist nicht zu viel verlangt, dieses Nein nicht allein durch Aussitzen, Untätigkeit oder Unentschlossenheit zu äußern, sondern dieses Nein oder Ja auch aktiv auszudrücken. Da, wo das passiert, etwa im katholischen Spanien, gibt es die weltweit höchsten Raten an Organspendern. Oder anders, dort können mehr Leben gerettet werden. Aber bin ich das dem Gemeinwesen – oder persönlicher – bin ich das denn anderen Menschen schuldig, die fremde Organe brauchen? Ja! Nicht weil es in ferner Zukunft auch in diesem Land vielleicht einmal eine parlamentarische Mehrheit für eine Widerspruchslösung geben könnte. Sondern weil es ein Akt der Mitmenschlichkeit ist. Wie gesagt: blau, orange, beige – auszufüllen in zwei Minuten. Und es gibt gleich große Felder für JA und NEIN!

Redaktion: Stefan Pößl

Stand: 14.02.2018, 17:01