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Novartis-Verlosung: "Der Skandal heißt Kapitalismus"

Zolgensma-Anwendung

Novartis-Verlosung: "Der Skandal heißt Kapitalismus"

Das Pharmaunternehmen Novartis hat ein Medikament im Programm, das todkranken Babys helfen kann. Die Kosten gehen in die Millionen. Nun verlost es die Behandlung für 100 Kinder. Doch das sei gar nicht der Skandal, meint Peter Zudeick in seinem Kommentar.

Ein Riesenskandal. Da scheinen sich alle einig zu sein. Nur: Was genau ist skandalös an diesem Vorgang? Dass Novartis das Leben von einhundert schwer kranken Kindern rettet, kann man ja nicht ernsthaft kritisieren. Ja, sicher, daraus eine Lotterie zu machen, ist hochgradig geschmacklos. Für die Begünstigten aber ist es das Glückslos – buchstäblich.

Novartis-Verlosung: "Der Skandal heißt Kapitalismus"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 04.02.2020 02:45 Min. Verfügbar bis 02.02.2021 WDR 5 Von Peter Zudeick

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Sollten die Novartis-Leute allerdings gemeint haben, die Verlosung von Lebenschancen sei – sozusagen als Nebeneffekt – ein grandioser PR-Erfolg, dann haben sie sich getäuscht. Eine schlechtere Presse kann man gar nicht haben.

Der eigentliche Skandal ist die Tatsache, dass ein Medikament zwei Millionen Euro kosten kann, kosten darf. Dieser Skandal heißt Kapitalismus. Das Produkt ist selten, die Nachfrage groß, also kann der Produzent so richtig hinlangen. Der Markt gibt es her. Pharmafirmen, vor allem solche der Kategorie Novartis, sind internationale big player und keine Wohltäter der Menschheit. Dass dies so ist, mag man für skandalös halten. Aber das ist keine Frage des Gesundheits-, sondern des Wirtschaftssystems.

Wobei gerne damit argumentiert wird, dass Forschung und Entwicklung bei neuen Medikamenten extrem teuer sind und der hohe Preis von daher gerechtfertigt ist. Nur: Novartis hat nicht geforscht und entwickelt, sondern die US-Firma Avexis. Und die hat Novartis für 8,78 Milliarden Dollar gekauft. Das war eine Wette auf das Medikament Zolgensma, die jetzt eingelöst werden soll.

Auf dem US-Markt scheint das zu funktionieren. In Europa bislang nicht, weil Zolgensma noch nicht zugelassen ist. Zwar dürfen nicht zugelassene Medikamente auch hier angewandt werden, und dann können die Krankenkassen auch zur Übernahme der Kosten verpflichtet werden. Was in Einzelfällen auch schon passiert ist. Voraussetzung ist aber: Es gibt keine Alternative.

Das trifft aber nicht zu. Es gibt ein Medikament, das in Deutschland seit drei Jahren zugelassen ist. Mit vergleichbaren Erfolgsquoten. Der Unterschied: Das Medikament Spinraza muss über mehrere Jahre regelmäßig verabreicht werden. Bei Zolgensma reicht eine Spritze. In der Öffentlichkeit ist aber – nicht zuletzt durch eine wuchtige Kampagne der "Bild"-Zeitung und anderer Boulevardblätter – der Eindruck entstanden, nur das Wundermittel von Novartis helfe den betroffenen Kindern. Der Druck auf Patienten und deren Familien, auf Kassen und Ärzte ist hoch, berichten Insider. Das Ergebnis könnte eine vorzeitige Markteinführung sein, argwöhnen Vertreter von Krankenkassen.

Wie gesagt: Es geht um den Markt, nicht um die Gesundheit. Das ist der Skandal.

Redaktion: Patrick Fina

Stand: 03.02.2020, 15:49