Mehr NATO-Soldaten in Afghanistan bewirken nichts

US-Soldaten machen sich am 31.05.2017 in Kundus (Afghanistan) zum Abflug in einem Hubschrauber vom Typ UH-60 Blackhawk bereit.

Mehr NATO-Soldaten in Afghanistan bewirken nichts

Die NATO will wieder mehr Soldaten nach Afghanistan schicken, um der unsicheren Lage Herr zu werden. Ein Irrtum anzunehmen, mit mehr Soldaten werde man mehr Sicherheit bekommen. Ein Kommentar von ARD-Korrespondent Jürgen Webermann.

Wir wissen nicht mehr weiter in Afghanistan? Gut, schicken wir einfach mehr Soldaten. Das scheint die derzeitige NATO-Strategie zu sein, und die kennen wir schon irgendwo her.

Richtig: Unter Präsident Obama gab es schon mal eine Aufstockung. Damals waren es aber nicht um die dreitausend zusätzliche Soldaten in Afghanistan, es waren Zehntausende. Und die sollten mal so richtig aufräumen mit den Taliban.

Gebracht hat es - Sie ahnen es schon: Nichts! Im Gegenteil. Afghanistan steht heute so schlecht da wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Regierung kontrolliert nur noch ein Viertel des Landes. Der Rest ist umkämpft, in der Hand der Taliban oder einfach nur rechtsfreier Raum. Die Zahl der zivilen Opfer steigt auf immer neue Höchststände. Sogar der so genannte Islamische Staat hat - zumindest als gefürchtete Terrormarke - in Afghanistan Fuß gefasst.

Auch die Ausbildung der afghanischen Armee, für die ja derzeit die allermeisten NATO-Einheiten im Land stationiert sind, ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Sogar höchste afghanische Offiziere verkaufen Waffen, Treibstoff oder sonstige Ausrüstung weiter an die Taliban. Und den Taliban gelingt es, eine Großstadt wie Kundus mehrfach zu überrennen. Die afghanischen Kommandeure dort werden übrigens von der Bundeswehr geschult. Es drängt sich die Frage auf, ob sie von den Deutschen überhaupt etwas gelernt haben. Internationale Soldaten sorgen derzeit lediglich dafür, dass die afghanische Armee nicht auseinander bricht. Die Grundregel lautet: Wird es auf dem Schlachtfeld brenzlig, greifen halt die westlichen Soldaten ein.

Über politische Lösungen spricht dagegen derzeit so gut wie niemand. Dabei bröckelt es derzeit gefährlich in Afghanistan. Die Regierung, ist de facto zwischen zwei verfeindeten Lagern gespalten, zum Teil hochkorrupt und handlungsunfähig. Alte Kriegsfürsten und auch deren Milizen kriechen wieder aus ihren Löchern. Russland, Iran, China, Indien und Pakistan mischen auf ihre Art in Afghanistan mit. Von außen wirkt das komplizierte Geflecht aus sich überlagernden Interessen bisweilen bizarr. Und der Westen? Europa und die USA haben keinerlei Kraft mehr, um auch nur über einen großen Wurf nachzudenken oder auch nur darüber, alle Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen. Stattdessen schickt die NATO also mehr Soldaten. Wer erwartet, dass das etwas bewirken wird, ist bestenfalls: naiv.

Mehr NATO-Soldaten in Afghanistan bewirken nichts

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 10.11.2017 | 02:27 Min.

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Redaktion: Dirk Müller

Stand: 09.11.2017, 16:05