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Fall Lügde: "Zu ernst, um als trojanisches Pferd herzuhalten"

Polizeibeamte der Spurensicherung auf der Parzelle des mutmaßlichen Täters in Lügde

Fall Lügde: "Zu ernst, um als trojanisches Pferd herzuhalten"

Die Forderung nach Strukturreformen bei der Polizei kommt zu früh, meint WDR-Landeskorrespondentin Bettina Altenkamp. Momentan sollte im Fall Lügde die Aufklärung im Vordergrund stehen.

Ich habe im Fall Lügde immer wieder ein Dejavu. Fast täglich kommen bei den Ermittlungen im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs neue Beweise ans Licht. Da werden noch ein paar Datenträger auf dem Trockner in der Behausung des Hauptbeschuldigten gefunden - Hoppla, hatten wir bei den vorhergehenden x-Durchsuchengen übersehen. Auch im Hängeschrank war noch was zu finden. Und dann gelingt dem Superschnüffler Artus noch der Fund eines weiteren Datenträgers. Ich finde, bei den ganzen Fehlern, Schlampereien, Ungereimtheiten gebührt zumindest Artus, dem auf die Suche nach Datenträgern spezialisierten Spürhund eine Auszeichnung - vielleicht ein lebenslanges Hundekuchen Deputat oder so? Das scheint aber auch der einzige wirkliche Lichtblick in diesem Fall von - ich zitiere mal unseren Innenminister - Polizei- und Behördenversagen zu sein.

Fall Lügde: "Zu ernst, um als trojanisches Pferd herzuhalten"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 02.03.2019 02:16 Min. Verfügbar bis 29.02.2020 WDR 5 Von Bettina Altenkamp

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Ich habe aber auch bei den reflexhaften Forderungen nach Strukturreformen ein Dejavu. Wenn die Grünen weniger Kreispolizeibehörden fordern. Den Landräten die Zuständigkeit entziehen wollen. DAS war schon unter der rot-grünen Landesregierung Thema, übrigens eins, bei dem sich die Grünen nicht durchsetzen konnten. Und mal im Ernst: Glaubt irgendwer, der Landrat im Kreis Lippe habe mit den unsäglichen Schlampereien der zuständigen Beamten etwas zu tun? Glaubt irgendwer, dass die Gefahr ähnlicher Fehler in größeren Behörden geringer wäre?

Vor den Forderungen nach Umstrukturierung sollte die versprochene lückenlose Aufklärung stehen. Wenn - hoffentlich - klar ist, woran die eklatanten Fehler gelegen haben, können passgenaue Veränderungen vorgenommen werden. Der Fall Lügde ist zu ernst und groß, um als trojanisches Pferd für alte grüne Forderungen herzuhalten. Ich kann - wie vermutlich sehr, sehr viele Menschen im Land - im Fall Lügde auf Dejavus verzichten.

Ich möchte den Fall aufgeklärt wissen, ich möchte, dass die Opfer und ihre Angehörigen in Ruhe das ungeheuerliche verarbeiten können, ich möchte das Behördenversagen analysiert und idealerweise abgestellt sehen.

Einfach mal so Strukturreformen zu fordern, bringt bei all dem absolut nichts. Das stünde - wenn überhaupt - ganz am Ende.

Redaktion: Lars Krupp

Stand: 01.03.2019, 14:57