"Seehofer verlässt die Wertegemeinschaft"

Horst Seehofer

"Seehofer verlässt die Wertegemeinschaft"

Ein Innenminister, der sich über Abschiebungen freut, sei zynisch und herzlos, meint Horst Kläuser in seinem Kommentar. Horst Seehofer sollte selbst abgeschoben werden - und sei es nur aus dem Kabinett.

Ist Horst Seehofer der Chefzyniker im Bundeskabinett? Die Chancen, diesen Ehrentitel als erster zu erhalten, stehen für den Innenminister nicht schlecht. Was mag den CSU-Parteivorsitzenden bloß geritten haben, seinen eigenen 69. Geburtstag mit der Abschiebung von genau 69 Menschen am selben Tag in Verbindung zu bringen? Das war unanständig! Jene 69 Asylbewerber wurden am 4. Juli in ein Flugzeug gesetzt und in Kabul in eine ungewisse Zukunft ausgekippt. Ein 23-jähriger von ihnen ist jetzt tot. Erhängt. Vermutlich Selbstmord.

"Seehofer verlässt die Wertegemeinschaft"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 12.07.2018 | 02:19 Min.

Download

Ob man so weit gehen muss, Seehofer gleich eine mörderische Schadenfreude zu unterstellen, wie es die Linken-Politikerin Jelpke tut, sei dahingestellt. Aber unpassend und – sorry! – voll daneben ist dieser blöde Witz Seehofers allemal.

Selbst die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Renate Schmidt, meldet sich aus dem Ruhestand. Die 74-jährige SPD-Politikerin schämt sich nach eigenen Worten fremd dafür, dass ihre SPD aus Gründen der Staatsräson gezwungen sei, mit ihm an einem Tisch zu sitzen, schreibt sie in einem Offenen Brief. Das ist harter Tobak. Verdient?

Ich meine ja. Seehofer, so milde er bisweilen auftreten mag, verlässt zunehmend die Wertegemeinschaft der Parteien, die die AfD gern als die "alten" tituliert. Respekt vor dem Leben, Anstand und Menschenwürde sind Dinge, die weit über Parteiengezänk und Wahlkampf stehen müssen. Wochenlang nahm das unwürdige Fingerhakeln um den bis Dienstag unbekannten Masterplan des CSU-Granden die deutsche Politik in eine Art gedankliche Geiselhaft: Erpressung der Kanzlerin und grobe Töne seiner Parteikollegen aus München lähmten eine notwendige Sachdiskussion über die Zukunft der Flüchtlingspolitik. Stattdessen eine ruinöse und populistische Ranschmeiße an AfD-Themen.

Wer sich über Warnungen hinwegsetzt, in Afghanistan drohe Lebensgefahr, ist herzlos. Und wer Witze über Abschiebungen macht, gehört vielleicht selbst abgeschoben. Und sei es nur aus dem Kabinett.

Stand: 12.07.2018, 08:30