Die Schnitzelfalle – Warum Klimaschutz keine Privatsache ist

Greta Thunberg auf Deck der Rennjacht "Malizia II".

Die Schnitzelfalle – Warum Klimaschutz keine Privatsache ist

Von Jürgen Döschner

Sie fliegt nicht, fährt kein Auto, isst kein Fleisch. Greta Thunberg erweckt den Eindruck, Klimaschutz sei auch eine Sache des persönlichen Lebensstils. Das macht sie angreifbar, kommentiert Jürgen Döschner.

Wie wir seit Schweine- und Schalke-König Tönnies wissen, ist ja "Der Afrikaner" schuld am Klimawandel. Und zwar, weil "Der Afrikaner", wenn er nicht gerade Bäume fällt, am liebsten Kinder macht. Und selbst wenn er bei seiner zweitliebsten Beschäftigung ein Kondom benutzen und so das Bevölkerungswachstum stoppen würde – ich bin sicher: Es dauerte nicht lange, bis einer herausfindet, dass zur Herstellung des Kondoms auch Erdöl verwendet wurde. Und all die alten weißen Männer und vorzugsweise Porsche-fahrenden Journalisten würden rufen: Klimasünder!

Die Schnitzelfalle - Warum Klimaschutz keine Privatsache ist

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 17.08.2019 03:10 Min. Verfügbar bis 18.08.2020 WDR 5 Von Jürgen Döschner

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Es ist eben nicht so einfach, das Klima zu schützen. Das muss auch Greta Thunberg erfahren. Erst fiel man über sie her, als sie auf der Zugfahrt nach Davos mit einer Frühstücksdose aus Plastik ertappt wurde. Nun haben Superschlaue herausgefunden, dass ihr Segeltörn in die USA doch nicht so klimafreundlich ist, weil dadurch andere mit dem Flugzeug fliegen müssen. Die Empörung schwappte hoch. Das Motto: Wer fliegt, oder Auto fährt, oder Fleisch isst, oder per Segelboot indirekt CO2 ausstößt, kann kein echter Klimaschützer sein.

Klimaschutz ist keine Privatsache

Greta ist – mal wieder – in die "Schnitzelfalle" getappt. Sie fliegt nicht, fährt kein Auto, isst kein Fleisch. Greta Thunberg hat den Eindruck erweckt, dass Klimaschutz zumindest auch eine Sache des persönlichen Lebensstils sei. Aber durch die Betonung, manchmal sogar Überbetonung der persönlichen Verantwortung für den Klimaschutz hat sie sich und ihre MitstreiterInnen angreifbar gemacht.

Denn Klimaschutz ist keineswegs Privatsache. Die Klimakrise ist ein kollektives Problem, das auch nur vorrangig kollektiv gelöst werden kann. Wir leben seit Jahrzehnten in einer fossilen Welt. Transport, Heizung, Lebensmittel, Häuser, Möbel, Medikamente – es gibt eigentlich so gut wie nichts, wo nicht Öl, Gas oder Kohle drin steckt. Verantwortlich dafür sind und waren Konzernbosse, Aktionäre, Abgeordnete, Regierungs-Chefs. Sie haben ein dichtes Geflecht von Gesetzen, Steuern und Subventionen geschaffen, das diese fossile Welt ermöglichte und bis heute am Leben hält.

Regel-Geflecht der fossilen Welt

Diesem Geflecht zu entkommen, dieses System aufzubrechen, übersteigt die Möglichkeiten des Einzelnen. Kleiner Test: stellen Sie mal alle Dinge in Ihrer Wohnung, in denen Erdöl steckt, auf die Straße. Selbstverständlich ist es gut, seinen persönlichen Lebenswandel so weit wie möglich "klimaschonend" zu gestalten. Aber es waren regulatorische Weichenstellungen, Gebote, Verbote, Subventionen, politische, juristische und wirtschaftliche Strukturen, die diese Klimakrise hervorgerufen haben. Wir brauchen nun Weichenstellungen in die andere Richtung, um diese Klimakrise aufzuhalten.

Der Verweis auf den individuellen Ausweg aus der Klimakrise ist deshalb nicht nur wenig hilfreich. Er bewirkt sogar das Gegenteil. Denn die Betonung der vermeintlichen persönlichen Verantwortung, die berühmte "Schnitzelfalle", dient nur allzu oft den tatsächlich Verantwortlichen, den Mächtigen in Politik und Wirtschaft, als Mittel, um ihre eigene Untätigkeit oder ihr Zögern zu verschleiern.

Deshalb, liebe Greta: nimm das nächste Mal ruhig den Flieger.

Redaktion: Andreas Teska

Stand: 19.08.2019, 10:38