Greta Thunberg: "Merkwürdiges Kesseltreiben"

Greta Thunberg auf der Yacht (14.08.2019)

Greta Thunberg: "Merkwürdiges Kesseltreiben"

Vor einem Jahr hat Greta Thunberg mit dem Klimastreik begonnen. Die 16-Jährige redet nicht nur, sie handelt auch. Trotzdem erntet sie Häme von Erwachsenen. Hört auf damit, fordert Detlef Reepen in seinem Kommentar.

Was ist das für eine merkwürdige Lust, die gefeierten Helden von gestern zum gefallenen Engel von morgen zu machen? Es hat geradezu ein Kesseltreiben auf Greta Thunberg eingesetzt. So wie vor Jahren alle Makel finden mussten an Malala Yousafzai, der pakistanischen Menschen- und Mädchenrechtsaktivistin.

Jetzt gegen die 16-jährige Klimaaktivistin aus Schweden: Man ist ja kritischer Journalist und will sich nicht vorwerfen lassen, blauäugig zu sein. Oder Politiker, der "durchaus für energischen Klimaschutz ist", aber bitte nicht mit dem Kopf durch die Wand. Und die finden jetzt alle möglichen Makel an dem streng blickenden Mädchen aus Stockholm, das vor einem Jahr ganz allein begonnen hat, für das Weltklima zu streiken. Die ihre Schulkarriere aufs Spiel gesetzt hat, weil sie die Klimakrise ernsthaft und ganz persönlich als Überlebensfrage der Menschheit begriffen hat. Jetzt werden die "gar nicht abwertend gemeinten Fragen" gestellt: Welcher Treibhausgasausstoß steckt in der High-Tech-Yacht, die sie über den Atlantik schippert? Wie viele Leute aus dem Filmteam fliegen hinterher nach Europa zurück? Als wenn nicht jedes Wochenende mehr Schweden just for fun mal eben nach Mailand oder Verona fliegen, um sich dort eine tolle Opernaufführung anzusehen. Und dabei ein Vielfaches mehr an CO2 verballern als das Filmteam, das eine 16-Jährige begleitet, die nicht mehr fliegen will.

Greta Thunberg: "Merkwürdiges Kesseltreiben"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 20.08.2019 03:38 Min. Verfügbar bis 18.08.2020 WDR 5 Von Detlef Reepen

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Wie viele Politiker und Journalisten haben mit Worten schon erklärt, wie wichtig die Klimafrage für die Menschheit ist? Und wie viele haben aus dieser Erkenntnis heraus ein Jota ihrer Existenz riskiert? Ich würde mal sagen: keiner! Mich eingeschlossen.

Dabei kann man, wenn man die Ernsthaftigkeit und die Dringlichkeit der Klimakrise verstanden hat, nicht mehr weitermachen wie bisher. Und nur mal ein paar LED-Energiesparlampen eindrehen und zum Einkauf das Fahrrad nehmen statt des Autos. Und nur noch Strom vom Ökoanbieter beziehen und das Handy drei statt nur zwei Jahre benutzen. Das langt nicht! Die Klimakrise verlangt von uns allen echte Einschnitte: Nicht mehr fünfmal im Jahr "in die Sonne fliegen" und auch nicht dreimal. Und den Fleischkonsum nicht von 80 Kilo pro Jahr auf 50, sondern vielleicht auf 20 Kilo reduzieren. Und man muss leider sagen: Und so weiter und so fort!

Diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen, in meine Existenz, fällt auch mir verdammt schwer.

Aber da geht ein Mädchen aus Stockholm hin und spricht nicht nur gut, sondern handelt auch danach. Geht nicht mehr zur Schule, setzt ihre Existenz ein, fliegt nicht mehr, wird Veganerin. Und findet Nachahmer. Die auch verstanden haben: Wir können das nicht den Erwachsenen überlassen, die immer von der Klimaneutralität 2050 reden, aber bis dahin noch die Atmosphäre mit Treibhausgasen vollknallen als gäbe es kein Morgen.

Für mich ist die ganze Herumkrittelei an Greta Thunberg und den FridaysForFuture-Aktivisten ein Ablenkungsmanöver. Politiker und Journalisten verstehen die Aktionen und Forderungen der Schüler als Vorwurf gegen sich: "Du hast versagt! Du redest nur! Aber handelst nach dem Motto ‚Wasch mir den Pelz und mach mich nicht nass!‘"

Aber der Pelz muss nass werden! Es muss sich gewaltig etwas ändern. Und wenn wir Älteren die großen Fehler gemacht haben, dann sollten wir wenigstens nicht verbissen nach den kleinen Inkonsequenzen beim Handeln der Jungen suchen.

Stand: 19.08.2019, 15:46