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Nichts gegen Globuli – aber bitte nicht zulasten der Versicherten

Flasche mit Globuli

Nichts gegen Globuli – aber bitte nicht zulasten der Versicherten

Sollen Krankenkassen die Kosten für homöopathische Mittel erstatten? Nein, meint Anne Schneider aus der Wirtschaftsredaktion. Denn die Kassen, die Globuli als Extraleistung bezahlen, argumentierten nie mit guten Daten zur Wirksamkeit der Mittel.

Nichts gegen Globuli, aber bitte nicht zulasten der Versicherten

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 13.07.2019 03:02 Min. WDR 5

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"Woher kommt nur dieser blinde Hass gegen die Homöpathie? Warum muss man eine Heilmethode derart aggressiv bekämpfen, die doch angeblich gar nicht wirkt" hat gestern ein Leser der Ärztezeitung gefragt. Tatsächlich schlagen die Wogen immer besonders hoch, wenn es um Homöopathie geht. Aber: Blinder Hass in die eine oder andere Richtung macht bei diesem Thema wenig Sinn. Wohl aber ein Blick auf die Faktenlage: Die Kassen, die die Globuli als Extraleistung bezahlen, argumentieren praktisch nie mit guten Daten zu ihrer Wirksamkeit. Und für den Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das regelmäßig die Wirksamkeit von Therapien bewertet, ist klar, dass die hochverdünnten Homöopathika nur Scheintherapien sind. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt auf WDR-Anfrage zu diesem Thema: "Es handelt sich demnach um …therapeutische Konzepte, die größere Teile der Ärzteschaft und weite Bevölkerungskreise für sich eingenommen haben, weil sie einem von der naturwissenschaftlich geprägten "Schulmedizin" sich abgrenzenden, weltanschaulichen Denkansatz folgen. Die gesetzlichen Krankenkassen haben dieser Wertung Rechnung zu tragen."

Im Klartext heißt das wohl: Die Kassen haben die Globuli in ihren Zusatzleistungskatalog aufgenommen, weil so viele Menschen sie toll finden. Und das, weil homöopathische Mittel grade nicht wissenschaftlichen Kriterien entsprechen. Wenn sich Kassenleistungen jetzt plötzlich danach bemessen, was Menschen gefällt, dann müssten auch Brillen wieder bezahlt werden. Im Gegensatz zu den Globuli brauchen die meisten Menschen die wirklich irgendwann – und bleiben trotzdem auf den Kosten sitzen. Merkwürdig finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass die meisten Menschen bei einer ernsthaften Erkrankung ganz selbstverständlich auf die Leistungen der bösen – aber wissenschaftlich basierten – Schulmedizin setzen.

Damit ich nicht missverstanden werde: Ich habe gar kein Problem damit, dass Menschen homöopathische Mittel nehmen. Auch wenn ich es befremdlich finde, dass manche Kinder auf dem Spielplatz bei jedem Wehwehchen Zuckerkügelchen bekommen. Nur sollten die Globuli bitte nicht von den gesetzlichen Kassen gezahlt werden. Auch nicht als Zusatzleistung. Und das gleich aus mehreren Gründen: Erstens, weil wir auf einen wirtschaftlichen Abschwung zusteuern. Der wird sich in Form von höherer Arbeitslosigkeit und weniger Beitragszahlern bald auch bei der Krankenversicherung bemerkbar machen. Und zweitens, weil unsere Gesellschaft nun mal im Schnitt immer älter wird. Das ist ein Kostentreiber, genauso wie der medizinische Fortschritt. Von dem wir im Krankheitsfall bitte alle profitieren sollten – egal ob arm oder reich.

Das geht aber nur, wenn wir uns ganz genau überlegen, wofür das Geld der Solidargemeinschaft ausgegeben wird. Und zwar nach wissenschaftlichen Kriterien. Wie gesagt: Blinder Hass gegen Homöopathie ist wirklich fehl am Platz. Aber wer Globuli und Co. nehmen möchte, sollte sie aus dem eigenen Portmonee bezahlen. Oder eine private Zusatzversicherung dafür abschließen.

Redaktion: Sebastian Moritz

Stand: 12.07.2019, 15:59