Gewalt an Kindern – furchtbar genug für einen Aufschrei

Schatten von Händen einer erwachsenen Person und Kopf eines Kindes

Gewalt an Kindern – furchtbar genug für einen Aufschrei

Die Zahl der kindlichen Gewaltopfer zwingt zu Konsequenzen. Sowohl für jeden einzelnen in der Gesellschaft, als auch für die Politik. Denn hinter jeder Zahl in der Statistik steht ein verzweifeltes Kind. Ein Kommentar von Sabine Müller.

Stellen sie sich mal folgendes vor: Die offizielle Kriminalstatistik vermeldet, dass die komplette Bevölkerung des Saarlands als Kind körperlich missbraucht wurde. Knapp eine Million Menschen. Und wir reden hier nicht von einem ordentlichen Klaps auf den Hintern ab und an – was schlimm genug wäre – sondern von schwerer Gewalt inklusive gebrochener Knochen und ausgeschlagener Zähne. Was gäbe das für einen Aufschrei. Es gab keinen Aufschrei, als die Zahlen der kindlichen Gewaltopfer vorgestellt wurden. Es war auch keine Million - diese Zahl ist eine Dunkelziffer, die Experten für eine längere Zeitspanne errechnet haben - und der BKA-Chef Münch übrigens nicht widersprach. Aber auch die offiziellen Hellfeld-Zahlen, also die, die polizeilich erfasst sind, sind eigentlich furchtbar genug für einen Aufschrei. 143 Kinder starben im vergangenen Jahr durch Gewalt, mehr als 4.200 wurden körperlich misshandelt, mehr als 13.500 sexuell missbraucht.

Gewalt an Kindern - furchtbar genug für einen Aufschrei

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 06.06.2018 | 01:59 Min.

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Auf Signale achten

Nun gibt es nicht die eine Antwort auf all diese Fälle – dazu sind sie zu verschieden. Das Täter-Spektrum reicht von überforderten Eltern bis zu Pädophilen, denen das Internet immer mehr Möglichkeiten bietet, sich an wildfremde Kinder heranzumachen. Aber ein paar Dinge sollten wir als Konsequenz aus diesen Zahlen einfordern: Jeder einzelne von uns muss wachsamer sein, nicht wegschauen - zum Beispiel nachforschen, wenn das eigene Kind plötzlich keine Zeit mehr bei Onkel Horst verbringen will oder wenn der Nachbarsjunge auffällig viele blaue Flecke hat. Das soll kein Aufruf zum Generalverdacht sein, sondern einfach die Bitte, beunruhigende Signale ernst zu nehmen und vielleicht ein paar eigene Gewissheiten zu hinterfragen.

Hinter jeder Zahl in der Statistik steht ein Kind

Auch solche politischer Art: Ich zum Beispiel sehe die Vorratsdatenspeicherung eigentlich sehr kritisch. Aber es gibt mir schon zu denken, wenn BKA-Chef Münch sagt, dass seine Ermittler mehr als der Hälfte der Hinweise auf Kinderpornographie, die sie aus den USA kriegen, nicht nachgehen können, weil sie wegen fehlender Vorratsdatenspeicherung keine IP-Adressen haben. Wir sollten die Internet-Konzerne in Deutschland in die Pflicht nehmen, damit sie - wie in den USA – Kinderpornographie-Verdachtsfälle melden müssen. Und wir sollten sicherstellen, dass die zuständigen Behörden von Jugendämtern bis BKA nicht völlig überfordert sind mit zu vielen Fällen und zu wenigen Mitarbeitern. Sicher, das wird etwas kosten: Geld natürlich, und politischen und persönlichen Willen. Aber das sollte es uns wert sein. Denn wie hat ein Experte ganz richtig gesagt: hinter jeder dieser nackten, kalten Zahlen in der Statistik steckt die riesengroße Angst und Verzweiflung eines Kindes.

Redaktion: Marc Heydenreich

Stand: 05.06.2018, 17:47