Israel: Ein Erfolgsmodell als Herausforderung

Israelische Fahne

Israel: Ein Erfolgsmodell als Herausforderung

Israel feiert den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung. Das an sich sei schon ein Erfolg, doch die Regierung habe die Suche nach einer Lösung im Konflikt mit den Palästinensern aufgegeben. Ein fataler Fehler, meint Tim Aßmann in seinem Kommentar.

Es ist eine Erfolgsgeschichte. Dass Israel überhaupt 70 werden würde, stand immer wieder in Frage.

Der Staat musste zur Sicherung der eigenen Existenz Kriege führen und sieht sich bis heute Bedrohungen ausgesetzt. Weil Israel im Umgang mit seinen Feinden immer auf die eigene Stärke setzte und sich in letzter Konsequenz nie nur auf andere verließ, muss es nicht mehr um seine Existenz fürchten. Wenn die Israelis nun voller Stolz auf ihre Geschichte zurück blicken und sich selbst feiern, ist das nachvollziehbar.

Israel: Ein Erfolgsmodell als Herausforderung

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 20.04.2018 | 02:59 Min.

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70 Jahre nach seiner Gründung präsentiert sich das Land militärisch stark, wirtschaftlich erfolgreich und demokratisch gefestigt. Geschaffen haben all das jüdische Zuwanderer aus der ganzen Welt, die trotz aller Unterschiede und gesellschaftlichen Spannungen eine funktionierende Gemeinschaft bilden.

Doch am 70. Jahrestag seiner Gründung wird auch deutlich, vor welchen riesigen Herausforderungen Israel steht und wie schwer es sich damit tut, sie anzunehmen. 70 Jahre Israel, das heißt auch mehr als 50 Jahre Besatzung palästinensischer Gebiete. Um sie aufrecht zu erhalten, um die Sicherheit Hunderttausender jüdischer Siedler zu gewährleisten, zahlt Israel seit Jahrzehnten einen hohen Preis. Generationen von Israelis mussten als Besatzungssoldaten dienen, das Land isolierte sich außenpolitisch und die Kosten für die Aufrechterhaltung des völkerrechtswidrigen Status quo lasten auf der Volkswirtschaft.

In diesem Status quo haben sich die Israelis mehrheitlich eingerichtet und die aktuelle politische Führung suggeriert, dass es immer so weitergehen kann. Mangels Visionen und mangels Willen hat die Regierung Netanjahu die Suche nach einer dauerhaften Lösung im Konflikt mit den Palästinensern eingestellt. Ein fataler Fehler. Die Zweistaatenlösung liegt auch im Interesse Israels, denn für das Fortbestehen des Landes als jüdischem Staat ist sie alternativlos. Im Falle einer Einstaatenlösung wären die jüdischen Israelis schnell in der Minderheit. Doch die Regierung hält an der Besatzung fest und stellt sich auch anderen Herausforderungen nicht.

Sieben Jahrzehnte nach der Staatsgründung verlaufen tiefe Risse durch die israelische Gesellschaft. Die Kluft zwischen der säkularen jüdischen Mehrheit und der streng-religiösen Minderheit wird immer breiter und die Konflikte im Alltag häufen sich. Die Lebenshaltungskosten steigen und vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren zu wenige im Land. Außerdem haben viele israelische Araber auch siebzig Jahre nach der Gründung Israels das Gefühl Bürger zweiter Klasse zu sein. Hinzu kommt, dass sich das rechte und das linke politische Lager immer feindseliger gegenüberstehen und unfähig zum Dialog erscheinen.

All diese Probleme sind der Politik bekannt und werden trotzdem nur unzureichend adressiert. Israel hat allen Grund seinen Geburtstag voller Stolz zu feiern. Doch die Herausforderungen von heute nicht anzunehmen, heißt das gestern Erreichte zu riskieren.

Stand: 19.04.2018, 16:54