Yücel: Freiheit in weiter Ferne

Yücel: Freiheit in weiter Ferne

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel darf nun tagsüber Kontakt zu einem anderen Gefangenen haben. Diese Hafterleichterung kam viel zu spät und ist eigentlich kaum der Rede wert, kommentiert Christian Buttkereit.

Der Türkei-Korrespondent der «Welt», Deniz Yücel

Fast 290 Tage in Einzelhaft - erst einmal: Hut ab vor Deniz Yücel. Diese Form der psychischen Belastung, das mit sich und den kargen Wänden drum herum Konfrontiert sein über neun Monate lang auszuhalten, ohne völlig durchzudrehen, verdient größten Respekt.

Die Hafterleichterung, wenn man denn davon überhaupt sprechen kann, kam viel zu spät und ist eigentlich auch kaum der Rede wert. Deniz Yücel darf nun tagsüber Kontakt zu einem anderen Gefangenen haben. Da es sich um einen Journalisten handelt, werden sich beide sogar etwas zu sagen haben. Das ist besser als nichts aber weit entfernt von dem, was Freunde und Sympathisanten aber auch die Bundesregierung seit Monaten fordern: Freiheit für Deniz Yücel.

Die Hafterleichterung ist das kleinstmögliche Entgegenkommen der türkischen Justiz. Noch weniger wäre nichts. Aber es ist eben mehr als nichts und niemand hat die Türkei verdonnert, dem Häftling Yücel das Leben etwas zu erleichtern. Im besten Fall sind den türkischen Behörden, als sie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erklären mussten, warum Yücel so lange schon in einer Einzelzelle in Untersuchungshaft schmoren muss, selbst Zweifel gekommen. Liest man die Stellungnahme, hat man durch aus den Eindruck, die Türken hätten selbst aus ihrer Sicht nicht allzu viel gegen Yücel in der Hand.

Darf diese Mini-Hafterleichterung, die Möglichkeit des gemeinsamen Hofgangs, also als positives Zeichen gewertet werden - für das Schicksal Deniz Yücels und vielleicht sogar für das türkisch-deutsche Verhältnis? Es spricht zumindest einiges dafür: Denn Yücel ist nicht der erste Fall, in dem die Türkei von ihrer harten Linie gegenüber deutschen Untersuchungshäftlingen abweicht.

Schon dass der Menschenrechtler Peter Steudtner freigelassen wurde und die Möglichkeit bekam, die Türkei zu verlassen, obwohl sein Prozess dort andauert, war ein Signal des Entgegenkommens und offenbar ja auch ein Resultat zunächst geheimer und dank Sigmar Gabriels Mitteilungsbedürfnis, dann doch nicht mehr so geheimer Diplomatie. Ob Dank der Gespräche zwischen Präsident Erdogan und Altkanzler Schröder oder nicht - wenn es in Ankara tatsächlich eine neue Linie im Umgang mit politischen Gefangenen gibt, dann betrifft sie nicht nur deutsche Häftlinge: Im Prozess gegen hungerstreikenden Akademiker wurde der angeklagte Grundschullehrer Semih Özakca frei gesprochen. Die mitangeklagte Literaturdozentin Nuriye Gülmen wurde zwar zu einer Haftstrafe verurteilt, die Behörden schickten sie aber nicht ins Gefängnis sondern stellten sie unter Hausarrest. Auch der türkische Ehemann der deutschen Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu durfte das Gefängnis verlassen. Sie hingegen sitzt immer noch hinter Gittern.

Wie wohlwollend oder sollte man besser sagen - fair - die Türkei gegenüber deutschen Häftlingen tatsächlich ist, dürfte sich spätestens am 18. Dezember zeigen, beim nächsten Verhandlungstermin für Mesale Tolu. Kommt sie frei, dürfte es ein weiteres Zeichen sein, dass Ankara begriffen hat, dass sich ein gutes zwischenstaatliches Verhältnis nicht nur an Geschäftsabschlüssen sondern auch am Umgang mit Gefangenen messen lässt. Die Türkei bewegt sich in diesem Punkt aber sie tut es nur langsam und in kleinsten Schritten. Im Moment führen die aber wenigstens in die richtige Richtung.

Yücel: Freiheit in weiter Ferne

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 05.12.2017 | 03:14 Min.

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Redaktion: Brigitte Simnacher

Stand: 04.12.2017, 17:52