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Clankriminalität: "Erst wissen, dann handeln!"

Razzia der Polizei in Bochum, 12.01.2019

Clankriminalität: "Erst wissen, dann handeln!"

Von Bettina Altenkamp

Zum ersten Mal hat das Landeskriminalamt ein Lagebild zur Clankriminalität in NRW erstellt. Ein richtiger Schritt, kommentiert Bettina Altenkamp. Polizei, Justiz, Ermittler und Kommunen hätten dieses Phänomen lange Zeit falsch eingeschätzt.

Erst wissen – dann handeln. Ich finde, das ist eine gute und sinnvolle Reihenfolge für politisches Agieren. Diese Reihenfolge wird leider nicht immer so befolgt und das Ergebnis kennt man und läuft dann unter der Überschrift blinder Aktionismus.

Clankriminalität: "Erst wissen, dann handeln!"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 16.05.2019 02:59 Min. WDR 5 Von Bettina Altenkamp

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Gut also, erst zu wissen und das Handeln dann danach auszurichten. Das Lagebild Clankriminalität kann helfen, neue und sinnvolle Maßnahmen zu entwickeln. Erst wenn ich über Strukturen, Netzwerke, Mitglieder – und das sind zum Teil sehr viele - und auch die kriminellen Geschäftsfelder Bescheid weiß, können idealerweise passgenau Strategien entwickelt und angewandt werden.

Nötig ist davon ein ganzes Bündel. Es geht um Prävention, Angebote an junge Menschen, erst gar nicht in der Parallelwelt Fuß zu fassen, sondern Sinn in einem Leben außerhalb der Kriminalität zu sehen. Das lässt wohl erahnen, wie schwierig das Ganze ist. Es geht auch um Aussteigerprogramme – die anders angelegt sein müssen, als etwa bei Rechtsradikalen. Denn Clan-Aussteiger verlassen nicht eine Gruppe, deren Verbindung ideologisch ist, sondern eine Familie, eine sehr große noch dazu.  Es geht auch um möglicherweise neue polizeiliche Strategien und neue rechtliche Vorgehensweisen.

Was zum Beispiel trifft, ist illegal erworbenes Geld abzuschöpfen. Schwerpunktstaatsanwaltschaften vor Ort, wie bereits jetzt in Essen und Duisburg sind da schon ein erster Schritt. Auch die zahlreichen Razzien und engmaschigen Kontrollen erhöhen den Druck und zeigen es gibt ihn – den Staat.

Eine noch engere Verzahnung von Polizei, Kommunen, Sozialarbeitern, Staatsanwälten und Fahndern von Zoll, Finanzamt und Ordnungsämtern gehört ebenfalls dazu. Klingt nach viel? Ist es auch. Sehr viel sogar. Und es kommt spät. Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zu  spät. Die Parallelwelten und Parallelwerte der kriminellen Clans haben sich über lange Zeit entwickelt. Die festen Familienstrukturen bieten Schutz, Auskommen und ein sehr festes eigenes Werteverständnis. Und das Phänomen wurde offenbar über Jahrzehnte ziemlich falsch eingeschätzt. Oder grob gesagt: auch einfach nur verpennt. Lange Zeit wurde ein solches Lagebild zu kriminellen Aktivitäten der Familienclans nicht erstellt, weil auch befürchtet wurde, damit Diskriminierung und Stigmatisierung zu befeuern.

Polizei, Justiz, Kommunen, Ermittler: Im Grunde stehen alle wegen dieser Versäumnisse erst ziemlich am Anfang. Es wird vermutlich Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte dauern, zumindest halbwegs erfolgreich gegen kriminelle Familienclans etwas auszurichten. Das erfordert Ideen, Geld, Mut neue Wege zu gehen und einen langen Atem. Aber zumindest zu wissen, wo und wie die Strukturen sind, um dann idealerweise die richtigen Maßnahmen zu entwickeln – ist schon mal ein richtiger Schritt – noch dazu in die richtige Richtung.

Redaktion: Golo Schmidt

Stand: 15.05.2019, 17:09