Bildungsgerechtigkeit? Note 5, setzen!

Schüler sitzen im Unterricht in einer Grundschule in Niedersachsen.

Bildungsgerechtigkeit? Note 5, setzen!

Vor allem Akademikerkinder werden Akademiker - das hat jetzt auch der Bildungsbericht der OECD wieder bestätigt. In Sachen Chancengerechtigkeit tut sich in Deutschland zu wenig, sagt Korinna Hennig in ihrem Kommentar.

Was ist gerecht? Diese Frage ist nicht umsonst ein Dauerbrenner im Politikunterricht, in privaten Kinderzimmern und in Philosophieworkshops mit Schülern. Die Antwort könnte lauten: Jedenfalls nicht das, was die deutsche Bildungspolitik seit Jahrzehnten praktiziert. Denn noch immer funktioniert viel zu viel nach dem Gießkannenprinzip – mit verheerenden Folgen. Akademikerkinder, denen zuhause viel vorgelesen wird, besuchen deshalb oft frisch sanierte Schulen mit funktionierenden Smartboards, in denen Eltern die Lehrer auf Ausflügen begleiten und nachmittags Leseklubs organisieren: Wer schon hat, dem wird gegeben. Viele Arbeiter-, Arbeitslosen- und Migrantenkinder gehen dagegen oft auf Schulen, in denen Investitionen erst mal in funktionierende Toiletten gesteckt werden müssen, bevor man tolle medienpädagogische Angebote auf die Beine stellen kann. Und die Spaltung setzt sich beim Personal fort: In Zeiten des Lehrermangels arbeiten Quereinsteiger eher an Schulen mit sozial benachteiligter Schülerschaft, sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm – qualifizierte Vollpädagogen suchen sich verständlicherweise gern die besseren Bedingungen aus.

Bildungsgerechtigkeit? Note 5, setzen!

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 24.10.2018 | 01:54 Min.

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Soziale Schere klafft immer weiter auf

Der Befund des OECD-Berichts zur Chancengleichheit in der Bildung ist kein bisschen neu und nicht trotzdem, sondern gerade deshalb umso alarmierender: Auch wenn Deutschland in manchen Bereichen Fortschritte macht, in kleinen Schritten – die soziale Schere klafft, insgesamt gesehen, immer weiter auf. Nur knapp ein Viertel der Erwachsenen schafft einen höheren Bildungsabschluss als die eigenen Eltern (zum Vergleich: In Finnland ist es mehr als die Hälfte!). Und 46 Prozent der Schüler, die von Haus aus schlechtere Bildungschancen mitbringen, besuchen Schulen, in denen sie unter ihresgleichen bleiben - obwohl benachteiligte Schüler messbar bessere Bildungschancen haben, wenn sie gemeinsam mit privilegierteren Schülern im Klassenzimmer sitzen. Rechnerisch, so schlüsselt die OECD es jetzt auf,  kann dieses gemeinsame Lernen einen Vorsprung von vier Schuljahren ausmachen!

Leseförderung ist extrem wichtig

Trotz kleiner Erfolgsmeldungen ist deshalb in puncto Chancengleichheit nicht mehr drin als die Note 5. Und die geht auch an die Kollegen aus den anderen politischen Ressorts. Solange horrenden Mietpreisen nicht ernsthaft Einhalt geboten wird, werden Städte sich immer mehr in Mittelstands- und Unterschichtenghettos aufspalten. Und je mehr bei der Digitalisierung der Schulen auf Unternehmensstiftungen  und privatwirtschaftliches Engagement gesetzt wird, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Medienkompetenz von Murat und Cindy genauso umfassend gefördert wird wie die von Magdalena und Jonathan. Dazu gehört auch, Stichwort Digitalisierung, dass Bildungspolitiker sich nicht zu Getriebenen von Unternehmensinteressen machen. Viel wichtiger als Smartphones im Unterricht ist die Leseförderung auch vor und nach der Grundschulzeit, mithilfe von Büchern, digital und in gedruckter Form. Es sollte doch zu denken geben, dass Kinder von Firmenchefs im Silicon Valley längst auf Privatschulen mit umfassendem Handyverbot und analogen Unterrichtsstrukturen gehen.

Schüler und Lehrer brauchen funktionierende Lobby

Wenn das beliebte Wahlkampfthema "Bildung" nicht immer wieder in Klientelpolitik versickern soll, dann brauchen alleSchüler und Lehrer endlich eine funktionierende Lobby. Und dazu bedarf es einer Wiederbelebung des europäischen Grundgedankens der Solidarität. "Die Gerechtigkeit ist nichts anderes als die Nächstenliebe des Weisen", sagte der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz schon vor über 300 Jahren. Was esoterisch klingt, ist nichts weniger als der Kitt der Demokratie. Und den brauchen wir heute mehr denn je.

Redaktion: Patrick Fina

Stand: 23.10.2018, 16:34