Bahn-Sanierungen - Das Problem liegt anderswo

ICE fährt über Bahnstrecke

Bahn-Sanierungen - Das Problem liegt anderswo

Gleise, Weichen und Oberleitungsmasten: Die Deutsche Bahn plant die Sanierung wichtiger ICE-Strecken. Dafür müssen ab Sommer 2019 zentrale Routen gesperrt werden - mit Folgen für alle Bahnkunden. Ein Kommentar von Jürgen Webermann.

Jetzt mal ehrlich: Wir verheddern uns seit Wochen im Klein Klein der Dieselaffäre und der Frage, warum wir so dicke Luft in den Städten haben. Aber wir vergessen dabei das große Ganze: Wie steht es eigentlich um unsere Mobilität von morgen? Und da kommen Bahn-Sanierungen ins Spiel. Denn das Problem wird nicht sein, dass von 2019 an die so genannten Paradestrecken wie Hannover-Göttingen wegen der Reparaturarbeiten quasi lahmgelegt werden. Diese Routen sind seit 1991 im Dauerbetrieb. Sie müssen saniert werden.

Das Problem mit unserem Schienen-Netz ist aber ein ganz anderes: Nur 40 Prozent der Verkehrswege-Investitionen bis 2030 sollen in das Schienen-Netz fließen – und davon ist der Löwenanteil für Sanierungen eingeplant, wie eben auf der Strecke zwischen Hannover und Göttingen. Stattdessen will der Bund im Vergleich 30 Milliarden Euro mehr für den Straßen- als für den Schienenbau ausgeben. Klar, denn bis 2030 rechnet die Bundesregierung mit noch einmal deutlich mehr Auto- und Lkw-Verkehr. Warum? Weil sie ihn fördert und fördert und fördert und dabei die Schiene vernachlässigt. Statt noch viel massiver in höhere Taktungen, günstigere Preise, neue Strecken, attraktiveren Bahn-Güterverkehr zu investieren, setzen wir auf billige Straßen, mit einer möglichst günstigen Lkw-Maut, mit immer mehr Autobahn-Spuren.

Dabei hat der ADAC längst vorgerechnet, dass wir mit dieser Art Verkehrspolitik schon längst auf dem Weg in den Kollaps sind. Die Zahl der Staus hat sich seit 2011 vervierfacht. Die Luft in den Städten ist schon längst viel zu dick. Wir jammern gerne über diese Abgase, die die Gesundheit unserer Kinder gefährden. Aber sobald es an unsere Dieselautos geht oder darum, Innenstädte fahrradfreundlicher zu gestalten und dafür etwa Parkplätze zu opfern, bricht ein Aufstand aus.

"Wir brauchen eine Verkehrswende!"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 02.10.2018 | 03:27 Min.

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Dabei brauchen wir eine Verkehrswende, die vor allem dazu führt, das Autofahren zu begrenzen; die dazu aber Alternativen schafft, die als solche wahrgenommen werden. Dabei geht es nicht nur um den Personenverkehr. Der Güterverkehr auf der Schiene müsste dem Lkw-Verkehr den Rang ablaufen. Wir bräuchten eine deutlich höhere Maut für Lastwagen und wohl auch für Kleintransporter, deren Zahl sich in Zeiten des Online-Shoppings dramatisch erhöht hat. Wir müssten uns Gedanken machen, ob wir den Diesel weiter niedrig besteuern, ob wir eine City-Maut einführen, und die Erlöse aus all dem in Alternativen wie eben die Schiene stecken, damit die Bahn nicht nur saniert, sondern ausbauen kann, auch abseits der Paradestrecken und in Gegenden, in denen das Bahnnetz derzeit eher eingestampft wird.

Ich weiß, in einem Land, in dem das Motto "freie Fahrt für freie Bürger" heißt, ein steigender Benzinpreis ungeahnte Emotionen freisetzt und in dem selbst Tempolimits eine viel zu heiße politische Kartoffel sind, klingt all das nach Träumerei. Was wir aber derzeit aber erleben, ist ein Wahnsinn an Flickschusterei, ohne Ideen und ohne Visionen. Dafür aber mit einer Garantie für den Kollaps.

Redaktion: Patrick Fina

Stand: 01.10.2018, 17:23