Islamforscherin über "Sofias Krieg": Auch Frauen sind Radikale

Kämpferinnen des Islamischen Staates

Islamforscherin über "Sofias Krieg": Auch Frauen sind Radikale

Die Hörspiel-Serie "Sofias Krieg" beleuchtet die Rolle der Frauen in radikalen dschihadistischen Organisationen wie dem IS. In einem Interview mit Islamforscherin Prof. Susanne Schröter wird deutlich, dass diese durchaus aktive Positionen übernehmen.

Frauen im IS: "Sofias Krieg" und die Realität

WDR 5 Morgenecho - Interview | 16.03.2018 | 07:58 Min.

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WDR 5: Unser Hörspiel-Experiment "Sofias Krieg – Der Terror in den Köpfen" ist zu Ende. Wir versuchen mal, eine Brücke zu schlagen von der Fiktion in die Wirklichkeit. Prof. Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Goethe Universität in Frankfurt. Frau Schröter, IS-Rückkehrerinnen, das war ja ein Kern dieser Serie. Ist das ein Problem, das uns in Deutschland tatsächlich beschäftigen sollte?

Prof. Susanne Schröter

Prof. Susanne Schröter: Ja, natürlich soll uns das beschäftigen. Wir hatten in den letzten Jahren den Blick vorwiegend auf die Männer gerichtet. Die Männer, die ausgereist sind zum IS und die zum Teil natürlich auch zurückgekommen sind. Und dabei hat man immer so getan, als ob die Frauen keine große Rolle spielen, als ob die Frauen nur per Zufall zum IS gelangt sind - und wenn sie zurückkommen, normale Frauen wie jede andere auch sind. Wir wissen aber mittlerweile, dadurch, dass Frauen zurückgekommen sind und dass wir auch jetzt einige Daten darüber vorliegen haben, dass diese Frauen tatsächlich, genauso wie die Männer, Radikale sind. Dass sie überzeugt sind davon, dass der IS tatsächlich eine legitime Organisation ist, dass sie hinter den Terror-Attentaten stehen, dass sie hinter der Gewalt stehen und dass sie auch dahinter stehen, dass man die Welt umwandeln sollte, entsprechend so wie der IS sich das gedacht hat, nämlich in eine islamistische Diktatur.

WDR 5: Lassen Sie mich da mal einhaken. Sie sagten eben, wir wissen inzwischen etwas über diese Frauen. Was sind das für Frauen? Junge, alte, Mütter, allein reisende Frauen? Mit welchen Absichten kommen die hierhin? Was wissen wir?

Schröter: Es sind in der Tat vorwiegend junge Frauen, genau wie die Männer. Junge Leute lassen sich eben stärker motivieren, stärker begeistern für radikale Ideen. Auch im Falle des radikalen Islam ist das der Fall. Aber wir haben durchaus auch einige ältere Frauen. Frauen, die mit ihren Töchtern ausgereist sind und in manchen Fällen sogar mit Töchtern und Enkeln ausgereist sind. Viele Frauen hatten bereits Kinder und haben diese Kinder mitgenommen, Kleinkinder waren das in den meisten Fällen. Aber es gab auch ganz junge Frauen, Mädchen noch, die 15 waren, 14 waren und die dort in Syrien oder im Irak einen IS-Kämpfer geheiratet haben, schwanger geworden sind - das war auch beabsichtigt - und dann dort Kinder bekommen haben. Und die würden, wenn sie zurückreisen, natürlich mit ihren Kindern zurückreisen.

WDR 5: In unserer Serie ist der Gedanke verwoben, dass die rückkehrende radikalisierte Kämpferin Sofia in Deutschland möglicherweise einen Anschlag plant und ausführen will. Würden Sie sagen, wenn wir das jetzt nochmal mit der Realität verknüpfen, wenn wir jetzt dieses Phänomen IS-Rückkehrerinnen diskutieren, kommen da Frauen mit konkreten Anschlagsplänen oder sind die möglicherweise auch nur hier um zu missionieren?

Schröter: Das kann beides sein. Wir haben bis jetzt vorwiegend Männer gehabt, die Anschläge durchgeführt haben. Und der IS-Ideologie entspricht es auch eher, dass Frauen Ideologie- Lieferantinnen sind, dass sie im Hintergrund arbeiten, dass sie Männer oder auch Frauen in Gefängnissen betreuen, dass sie rekrutieren, etc. Aber selbstverständlich - wir haben das auch in anderen Teilen der Welt schon gehabt, dass in bestimmten Situationen auch Frauen Anschläge durchführen. Meistens in Situationen, in denen eine radikale dschihadistische Organisation militärisch an der Wand steht, und das ist ja beim IS mittlerweile der Fall. Militärisch spielt er jetzt in Syrien und im Irak nahezu keine Rolle mehr. Das ist ja auch der Grund für die ganzen Rückkehrer und Rückkehrerinnen. Und jetzt könnte man natürlich sagen, in dieser besonderen, auch verzweifelten Situation des IS, da rücken Frauen auch vor, auf Plätze die bis jetzt Männer eingenommen haben. Das ist zumindest eine Befürchtung, die auch der Verfassungsschutz hat. Dass Frauen tatsächlich in eher männliche Positionen hineinkommen, das heißt in Führungspositionen, aber auch in aktive Positionen, was die Anschläge betrifft.

WDR 5: Sie sagen, der Verfassungsschutz hat da Erkenntnisse, Frau Schröter. In unserer Serie hat die fiktive Figur Sofia den Verfassungsschutz und andere Ermittler quasi rund um die Uhr auf den Fersen. Trotzdem, wie gut können wir überhaupt abschätzen, ob eine Rückkehrerin auch wirklich eine Gefährderin ist? Sind wir da dicht genug dran?

Schröter: Das ist genau das Problem. Man muss natürlich sehr nah an einer Person sein, um zu wissen, was sie vorhat. Und das ist bei Frauen deutlich schwerer als bei Männern.

WDR 5: Warum?

Schröter: Ja, weil die Frauen natürlich sehr viel zurückgezogener handeln. Die Männer sind eher in der Öffentlichkeit. Die bewegen sich in der Öffentlichkeit. Die Ideologie des radikalen Islam lässt das eben eher zu. Die Männer sollen diejenigen sein, die öffentlich sichtbar sind, die öffentlich agieren und die Frauen sollen sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, sollen von niemandem gesehen werden, vor allem nicht von Männern natürlich. Und das bedeutet, dass sie eher im privaten Raum agieren und dieser private Raum ist natürlich einfach schlechter zu durchdringen, schlechter zu beobachten. Was man sehen kann ist natürlich, dass Frauen Aktivitäten in den sozialen Netzwerken entfalten - und das kann natürlich auch der Verfassungsschutz sehen. Einige dieser Netzwerke sind auch ganz öffentlich. Ich habe mich zur Vorbereitung jetzt nochmal in einigen Netzwerken umgeschaut, die von Dschihadistinnen geleitet werden und gemanaged werden. Und in diesen Netzwerken spielt es auch eine Rolle, ob Frauen denn als sogenannte Märtyrerinnen taugen. Das heißt, dahinter steht schon die Frage, ob Frauen auch Attentäterinnen sein können. Und da ist die Antwort auf diese Frage durchaus ambivalent. Also es gibt kein klares Nein. Und das muss einen natürlich schon beunruhigen.

WDR 5: Wie kommt man denn an die ran, Frau Schöter? Was müssen wir bieten, damit aus Rückkehrerinnen wirklich Aussteigerinnen werden?

Schröter: Ja, das ist gar nicht so einfach. Also Menschen, die radikal sind und von ihrer radikalen Ideologie überzeugt sind, die sind natürlich einem Argument nicht ohne weiteres zugänglich. Das heißt, normalerweise hat man nur einen wirklichen Zugriff, wenn es einen Bruch in der Biografie gibt, das heißt, wenn Frauen im Gefängnis sind, wenn sie selber schon merken, dass da irgendwas nicht stimmt, wenn sie also offen sind für ein Gespräch. Und dann kann man natürlich mit Experten, und wir haben eben solche Experten und Expertinnen, versuchen, da eine kritische Perspektive zu verstärken oder auch tatsächlich aufzuklären, um welche Verbrecher es sich handelt beim IS oder auch bei anderen dschihadistischen Organisationen. Aber wenn jemand komplett überzeugt ist, dass das das Richtige ist, dass Gewalt auch das Richtige ist, um den Islam zu verbreiten, dann hat man es doch ganz schön schwer.

Das Interview führte Ulrike Römer am 16.03.2018 im WDR 5 Morgenecho. Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und kann teilweise gekürzt sein. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 16.03.2018, 12:05