"Es ist schwer, Gewalt gegen Kinder zu erkennen"

"Es ist schwer, Gewalt gegen Kinder zu erkennen"

Etwa jeden zweiten Tag stirbt in Deutschland ein Kind durch Gewalt. Damit Ärzte, Lehrer und Pädagogen besser erkennen, ob ein Kind Opfer von Gewalt ist, hat die Kinderheilkunde der Uniklinik Bonn die erste deutschlandweite Kinderschutz-Leitlinie erarbeitet.

Schläge, Misshandlung, emotionale Vernachlässigung – wenn Fälle von Kindesmisshandlung öffentlich werden, stellt sich sofort die Frage: Warum hat das keiner gemerkt? Wie konnte das Kind durch das Raster der Aufmerksamkeit fallen?

Ein Team des Zentrums für Kinderheilkunde an der Uniklinik Bonn hat eine Leitlinie erarbeitet, die helfen soll, Gewalt gegen Kinder besser erkennen zu können. Dr. Ingo Franke ist Leitlinien-Koordinator und geschäftsführender Oberarzt der Klinik.

WDR 5: Warum haben Sie diese Leitlinie erarbeitet? Ist es so schwer, Gewalt gegen Kinder zu erkennen?

Ingo Franke: Ja, es ist tatsächlich schwer, Gewalt gegen Kinder in den verschiedenen Spektren, die wir haben, zu erkennen: Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch. Von daher ist es sinnvoll, wenn man versucht, über eine medizinische Leitlinie Hinweise zu geben, wie man die verschiedenen Formen der Kindesmisshandlung erkennen kann.

Interview: "Es ist schwer, Gewalt gegen Kinder zu erkennen."

WDR 5 Morgenecho - Interview | 27.09.2017 | 06:21 Min.

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WDR 5: Was steht denn in dieser Leitlinie? Gibt es ein konkretes Beispiel, wann Alarmglocken läuten sollten?

Franke: Das wäre bei bestimmten Frakturen. Knochenbrüche sind im Kindesalter ja sehr häufig. Die meisten entstehen durch Unfall und nicht durch Misshandlung. Aber es gibt tatsächlich bestimmte Frakturen in einem bestimmten Alter, die mit hoher Wahrscheinlichkeit den Verdacht zulassen, dass es sich hier um eine Misshandlung handelt.

WDR 5: Was wären das für Frakturen?

Porträt Ingo Franke

Dr. Ingo Franke

Franke: Das wären Frakturen im Bereich der Rippen oder im Bereich der langen Röhrenknochen. Das sind Frakturen, die insbesondere bei Kindern unter 18 Monaten den Verdacht wachwerden lassen sollten: Stimmt das, was die Eltern schildern, wie ein Unfall passiert ist, mit dem überein, was uns an Verletzungsformen vorliegt?

WDR 5: Ihre Leitlinien zielen nicht nur auf medizinisches Personal, sondern zum Beispiel auch auf Kindergärten oder Schulen, dass dort Gewalt gegen Kinder besser erkannt wird. Das muss ja vor den Knochenbrüchen anfangen.

Franke: Das stimmt. Im Moment stellen wir die vorläufigen Handlungsempfehlungen vor, die wir bisher erarbeitet haben. Wir werden in bis zu 33 Themengebieten Handlungsempfehlungen erstellen, bisher haben wir zehn Bereiche geschafft. Das heißt, wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns.

Das Hauptfeld, das beim visuellen Erkennen von körperlichen Misshandlungen hilft, sind die blauen Flecken. Für diese blauen Flecken werden wir eine ziemlich genaue Darstellung geben können, welcher blaue Fleck bei welchem Kind in welchem Alter nicht sein darf, beziehungsweise sofort den Verdacht darauf lenken lassen muss, dass es sich hier um eine Misshandlung handelt.

WDR 5: Welcher blaue Fleck darf denn nicht sein – ohne jetzt vielleicht zu sehr in die medizinischen Details zu gehen?

Schreiendes Baby

Ein schreiendes Baby ist normal. Wann muss man aufmerksam werden?

Franke: Das ist eine gute und gar nicht so furchtbar medizinische Frage. Die kann im Prinzip jeder mitbeurteilen: Wenn Sie einem Säugling – also einem Kind unter einem Jahr – ins Gesicht schauen und der hat dort einen blauen Fleck, dann ist der bis zum Beweis des Gegenteils verdächtig, durch eine Misshandlung erzeugt worden zu sein.

Wir haben eine ausführliche Literaturrecherche gemacht. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein blauer Fleck, der nicht erklärt werden kann, bei einem Säugling durch einen Unfall verursacht worden ist, ist deutlich geringer, als dass der blaue Fleck wirklich beigebracht wurde.

WDR 5: Wie groß ist das Problem der Gewalt gegen Kinder in Deutschland?

Franke: Das ist leider sehr groß. Wenn wir unter Gewalt auch alle anderen Formen von Kindesmisshandlung verstehen, einschließlich der emotionalen Misshandlung, dann haben wir eine große Anzahl von Kindern. Und die Dunkelziffer ist enorm hoch. Man kann natürlich auch die polizeiliche Kriminalstatistik heranziehen. Wir gehen davon aus, dass jedes fünfte bis zehnte Kind in seinem Leben eine Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung erleidet.

WDR 5: Was passiert mit diesen Leitlinien, wenn sie fertig sind? Bekommen alle Kindergärten, Schulen, Polizeistellen diese Hilfestellung?

Franke: Ja, wenn sie wollen. Wir haben eine bestimmte Version und Anzahl vorbereitet. Wir machen eine Leitlinie für die Mediziner, eine für die Jugendhilfe-Mitarbeiter und für die Pädagogen an Kindergärten und Schulen. Das sind unsere Hauptversionen, wobei wir auch versuchen, eine Kinder-Version zu machen. Das wird sich aber sicherlich als deutlich schwieriger herausstellen.

Das Gespräch führte Andrea Oster im WDR 5 Morgenecho vom 27.09.2017

Für eine bessere Rezeption kann die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview abweichen. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 27.09.2017, 13:29