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Gewalt gegen Lehrer: "Dramatisch entwickelt und gesteigert"

Zwei Schüler melden sich in einem Klassenraum der Schule, während der Lehrer an der Tafel steht (Foto vom 01.02.2011)

Gewalt gegen Lehrer: "Dramatisch entwickelt und gesteigert"

Gewalt gegen Lehrer ist an Schulen keine Ausnahme mehr. Sie werden beleidigt, im Netz verunglimpft, körperlich attackiert. Das Thema war lange ein Tabu, sagt der Mobbing-Berater, Buchautor und ehemalige Lehrer Wolfgang Kindler.

WDR 5:  Woran liegt es, dass über Gewalt gegen Lehrer lange Zeit nicht gesprochen wurde?

Wolfgang Kindler: Das passt irgendwie nicht zur Rolle. Man war als Lehrer Autorität, man war stark, leitete. Lehrer waren lange Zeit Respektspersonen – ich benutze bewusst das Imperfekt. Und gegen Respektspersonen wird keine Gewalt ausgeübt. Wenn man mit Klischees im Verhalten bricht, wird lange Zeit darüber geschwiegen.

Beleidigungen, Angriffe, Bedrohungen

WDR 5 Morgenecho - Interview | 02.05.2018 | 06:30 Min.

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WDR 5: Können Sie sagen, wann ungefähr dieser Bruch stattfand, seit wann Lehrerinnen und Lehrern nicht mehr so viel Respekt entgegen gebracht wird?

Kindler: Das ist ein schleichender Prozess. Das finden Sie auch bei Polizisten oder anderen Amtsträgern. Fast alle Amtsträger beklagen, dass sie in ihrer Rolle immer weniger wahrgenommen werden. Das hängt sicherlich mit vielen gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen. Über Lehrer wird in der Öffentlichkeit sehr oft negativ berichtet. Das ist ein Prozess, der nicht von null auf hundert beginnt. Für mich beschreibt und fasst er eine längere gesellschaftliche Entwicklung zusammen.

WDR 5: Wir reden hier nicht nur über mangelnden Respekt, sondern über Gewalt. Wie zeigt sich die?

Kindler: Die zeigt sich im körperlichen Bereich im geringeren Maße. Aber im Umgang, in der Bedrohung, dass man Lehrer beschimpft, dass man sie öffentlich attackiert – das ist deutlich mehr geworden. Ich kann das für mich an einer sehr simplen Tatsache festmachen: Ich habe eine Fortbildung zum Thema Mobbing gemacht, im Augenblick ist das das Hauptthema: Wie geht man mit Angriffen von Eltern und Schülern um? Das ist für Lehrer wichtiger geworden, weil sie sich gehäuft haben.

WDR 5: Wenn wir auf die Schülerseite gucken: Gibt es bestimmte Gruppen, für die Gewalt auch ein Zeichen ist, gegen Lehrer vorzugehen?

Portrait Wolfgang Kindler von 2011

Wolfgang Kindler

Kindler: Natürlich gibt es bestimmte Gruppen, aber da haben wir große Schwierigkeiten, diese einfach zu benennen. Nehmen Sie die Rütli-Schule in Berlin, die jetzt Sicherheitskräfte eingefordert hat. Übrigens ist dieser gleiche Sicherheitsdienst schon an acht anderen Grundschulen und Schulen in Neukölln in Berlin tätig geworden. Und das sind immer Schulen mit einem sehr hohen Migrationsanteil.
Wir haben leider das Problem, dass Kinder aus Migrationszusammenhängen häufig körperlich gewalttätiger sind als andere. Das Problem ist nur, dass das öffentlich zu wenig diskutiert wird, wie man damit umgehen kann. Ähnlich ist es auch bei Eltern. Wir haben körperliche Übergriffe – das beschreiben die Berliner sehr gründlich – in erster Linie von Eltern aus Migrationszusammenhängen.

Zur Person
Wolfgang Kindler war Gymnasiallehrer und ist seit mehr als 20 Jahren in der Gewaltprävention tätig, vor allem beim Thema Mobbing an Schulen. Er arbeitet als Fortbilder, Coach und hat mehrere Bücher veröffentlicht.

WDR 5: Warum wird darüber nicht öffentlich diskutiert?

Kindler: Wir haben in Deutschland bestimmte Tabus. Wenn ich so etwas öffentlich thematisiere, gelte ich gleich als rechtsradikal, als Nationalist oder Rassist. Jedes Erwähnen von fremden Gruppen gilt schon als Rassismus. Wir haben natürlich auch in der Öffentlichkeit ein großes Problem, das so zu benennen, weil es die politischen Parteien bislang sehr lange versäumt haben, offen über solche Probleme zu diskutieren.

WDR 5: Welche Rolle kommt der Schulleitung zu?

Das Wort "Respekt" steht auf dem T-Shirt eines Schülers, der am Boxtraining teilnimmt.

Viele Schüler sehen Lehrer nicht mehr als Respektsperson

Kindler: Eine ganz entscheidende. Es gibt sehr viele Schulleitungen, die sich gegen Lehrer wenden, sobald sich Beschwerden über Lehrer häufen. Es gibt Schulleitungen, die große Angst haben, dass Übergriffe nach außen dringen, weil ihre Schule dann in einem schlechten Licht steht und eventuell Schüler verlieren könnte. Es gibt Schulleiter, die Lehrer auffordern, auch bei gewaltsamen Übergriffen gegen sie zu schweigen, das hinzunehmen, keine Anzeige zu erstatten – aus Angst vor Imageverlust.

Wenn eine Schulleitung einen Lehrer unterstützt, kann man sich anders zu Wehr setzen, dann reagiert man selbstbewusster und klarer. Wenn ich in der Schule noch was werden will oder auch gerne dort weiterarbeiten möchte, das Einverständnis meiner Schulleitung spüre, dann reagiere ich souveräner und klarer.

WDR 5: Wenn ich das Thema Imageverlust noch einmal aufgreifen darf: Wenn eine Schulleitung Angst vor Imageverlust hat, dann ist doch so etwas wie Prävention gar nicht möglich.

Kindler: Genau richtig. Das ist genau das Problem. Je mehr Angst ich vor einem Imageverlust habe, desto eher bekomme ich ihn. Wenn ich zum Beispiel sage, dass eine Straftat nicht nach außen geleitet werden darf, dann geht sie nach außen. Das bleibt fast nie geheim. Gerade Menschen, die von ihrer Angst gelähmt werden, produzieren fast immer ein schlechtes Image und gleichzeitig verhindern sie vernünftiges und kluges Agieren gegen Übergriffe.

Umfrage: Gewalt gegen Lehrer
Laut dem Verband Bildung und Erziehung gab es in den vergangenen fünf Jahren an fast der Hälfte aller Schulen Gewalt gegen Lehrer, vor allem verbale Bedrohungen, Beschimpfungen und Mobbing. An jeder fünften Schule gab es Fälle von Cyber-Mobbing, an 26 Prozent der Schulen wurden Lehrkräfte körperlich attackiert. In NRW liegen die Zahlen sogar noch über dem Bundesdurchschnitt. Bei der repräsentativen forsa-Umfrage, die am 02.05.2018 veröffentlicht wurde, wurden 1.200 Schulleitungen allgemeinbildender Schulen befragt. Zuletzt gab es 2016 eine ebenfalls von forsa für den VBE durchgeführte Umfrage, bei der knapp 2.000 Lehrkräfte befragt wurden. "Die Ergebnisse sind so eindeutig, wie erschütternd", kommentiert VBE-Vorsitzender Udo Beckmann. Welche Ursachen es für Gewalt gegen Lehrkräfte gibt, wurde in der aktuellen Studie nicht thematisiert.

WDR 5: Würden Sie den Schulaufsichtsbehörden vorschlagen, sich konkreter mit den Schulleitungen auseinanderzusetzen? Oder passiert das schon?

Kindler: Das ist sicherlich ein Hinweis. Es geht aber nicht nur darum. Wir Lehrende müssen sehr viel klarer haben, wann wir juristisch tätig werden, was wir auf uns nehmen, was man auch mal wegstecken kann. Das heißt: Ganz viele Kolleginnen und Kollegen reagieren sehr unsicher, weil sie gar nicht wissen, was sie machen dürfen, was erwünscht ist und was nicht. Wenn eine Schule ein klares Konzept entwickelt – hier ist für uns eine Grenze, dagegen wehren wir uns  – das wäre sehr viel hilfreicher.

WDR 5: Gibt es bereits ein Vorbild, wie ein solches Konzept aussehen könnte?

Kindler: Es gibt einige Schulen, die das für sich entwickelt haben, auch einen Verhaltenskodex für die Lehrer. Aber das ist nicht durchgängig. Es liegt auch daran, dass sich die Übergriffe gegen Lehrer in der letzten Zeit dramatisch entwickelt und gesteigert haben, dass es früher gar kein Thema war.

Das Gespräch führte Judith Schulte-Loh im WDR 5 Morgenecho vom 02.05.2018

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und kann teilweise gekürzt sein. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 02.05.2018, 12:53