Trikot-Affäre: "Sport ist grundsätzlich politisch"

Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan nebeneinander aufgereiht mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan

Trikot-Affäre: "Sport ist grundsätzlich politisch"

Die deutschen Nationalspieler Özil und Gündogan hätten sich der Außenwirkung des Fotos mit dem türkischen Präsidenten bewusst sein müssen, sagt Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag – und betont: "Sport ist grundsätzlich politisch."

Bundestrainer Joachim Löw hat am Dienstag (15.05.2018) den Kader für die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland vorgestellt. Löw sagte, er habe keine Sekunde darüber nachgedacht, Mesut Özil und Ilkay Gündogan nicht zu nominieren. Viele Fußball-Fans werden darüber nachgedacht haben, nachdem die beiden Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten Erdogan bei einem Treffen PR-Fotos gemacht haben. Gündogan hat dem türkischen Präsidenten zudem ein Trikot mit wertschätzender Widmung überreicht. Löw betonte, beide Spieler hätten ihnen zu verstehen gegeben, dass sie keine politische Botschaft senden wollten und dass sie die Irritationen bedauern.

WDR 5: Ich gehe direkt mal in die Vollen. Nach dieser Aktion könnte man fragen, wie Gündogan und Özil überhaupt noch in die deutsche Nationalmannschaft passen.

Dagmar Freitag: Der DFB hat die Frage beantwortet und beide nominiert. Wenn ich mir Kommentare und Anmerkungen sowohl in den Zeitungen als auch in den sozialen Netzwerken anschaue, gibt es da sehr unterschiedliche Reaktionen mit sehr heftigen Ausschlägen in beide Richtungen.

Trikot-Affäre: "Sport ist grundsätzlich politisch"

WDR 5 Morgenecho - Interview | 16.05.2018 | 06:49 Min.

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WDR 5: Wie sehen Sie das denn?

Freitag: Die Aktion war mindestens mehr als unglücklich. Ich denke, dass Fußball-Nationalspieler, die auch nicht erst im letzten Jahr in die Nationalmannschaft berufen worden sind, sich ihrer Außenwirkung bewusst sind und dass sie natürlich auch wissen, dass Fotos mit Politikern immer auch eine ganz erhebliche mediale Außenwirkung haben. Sie müssen sich im Klaren darüber gewesen sein, dass die Partei von Präsident Erdogan diese Fotos veröffentlichen würde.

WDR 5: Das macht es ja eigentlich noch schlimmer, wenn es nicht Dummheit oder Naivität waren. Wenn Sie sagen, die waren sich darüber bewusst, dann müsste das doch auch stärkere Konsequenzen haben?

Die Vorsitzende des Sportausschusses Dagmar Freitag

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag

Freitag: Ich gehe zumindest davon aus, dass es ihnen bewusst war. Es war kein zufälliges Zusammentreffen mit dem türkischen Präsidenten. Mittlerweile wissen wir, dass eine formelle Einladung zu einer Veranstaltung vorgelegen hat. Beide hatten die Trikots dabei. Ich denke, dass es schon geplant war, mit Präsident Erdogan zusammenzutreffen. Und nochmal: Ich bin sicher, dass der Deutsche Fußball-Bund und auch die Berater die Spieler darauf hinweisen, dass Fotos eine Außenwirkung haben. Möglicherweise sind beide schlecht oder gar nicht beraten worden. Sie hätten aber auch selber darüber nachdenken müssen, mit wem sie sich da ablichten lassen.

WDR 5: Was fangen wir jetzt damit an? Sowohl Löw als auch DFB-Präsident Grindel haben beide Spieler kritisiert, aber auch gesagt, Menschen machen Fehler. Das war's? Reicht das?

Freitag: Für Sanktionen und weitergehende Maßnahmen ist alleine der Deutsche Fußball-Bund zuständig. In diese interne Diskussion werde ich mich nicht einmischen. Dass Menschen Fehler machen, ist richtig: Das gilt für Politiker wie für Funktionäre und sicherlich auch für Athletinnen und Athleten. Aber vielleicht hätte man auch eine Stellungnahme erwarten dürfen, in der eingeräumt werden könnte, dass es ein Fehler war.

Es ist kein grundsätzliches Problem, sich mit Politikern ablichten zu lassen. Das Problem im konkreten Fall ist die Politik, die speziell dieser Präsident in seinem Heimatland macht. Und die wird aus Sicht eines demokratischen Staates, in dem Meinungs- und Pressefreiheit ein besonderes Gewicht haben, zurecht kritisiert.

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WDR 5 Morgenecho - Glosse | 16.05.2018 | 03:03 Min.

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WDR 5: Sie haben viele "hätte" und "würde" genannt – ich formuliere es mal in der Zusammenfassung: Sie wünschen sich eine etwas härtere Reaktion des DFB, oder?

Freitag: Es ist nicht Aufgabe der Politik, die autonomen Entscheidungen von Verbänden zu bewerten. Die Frage ist, wie der DFB damit intern umgegangen ist. Möglicherweise hat es intern durchaus deutlichere Worte gegeben. Das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber ich glaube, etwas anderes ist wichtig: Dass wir im Land auch eine Diskussion darüber führen, was gelungene Integration unter dem Strich bedeutet. Was erwarten wir als Gesellschaft von Menschen, die hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind? Das ist die Frage, die über den konkreten Fall hinausgeht.

WDR 5: In diesem Sinne müsste man sagen, sowohl Mesut Özil aus auch Ilkay Gündogan sind kein Beispiel für gelungene Integration?

Freitag: Festgemacht am konkreten Fall darf man das zumindest in Frage stellen. Ich denke, wer in diesem Land geboren ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit hat, für den müsste klar sein: Der Präsident dieses Landes heißt Frank-Walter Steinmeier.

WDR 5: Fußballer sagen in solchen Situationen immer – und das haben die beiden auch getan – "wir sind ja nicht politisch". Und Fußball-Funktionäre sagen, sie halten sich aus der Politik heraus. Das ist doch Wunschdenken. Sie sagen, Sie können dem DFB nicht sagen, was er zu tun hat. Aber müsste man vielleicht mal den Fußballern und den Funktionären sagen: Ihr habt auch eine politische Aufgabe, ob ihr wollt oder nicht.

Joachim Löw bei der Bekanntgabe des vorläufigen WM-Kaders

Bundestrainer Löw nominierte Özil und Gündogan in den WM-Kader

Freitag: Sport ist grundsätzlich politisch, diese Haltung vertrete ich seit Jahren. Das habe ich gegenüber deutschen Sport-Organisationen immer gesagt – sei es der DOSB oder einzelne Fachverbände. Das sage ich in Richtung Internationales Olympisches Komitee. Sport hat immer auch eine politische Wirkung, schon deshalb, weil er durchaus nicht selten von Machthabern zu Propaganda-Zwecken missbraucht wird. Wir sind alle gut beraten, wenn wir mit Athletinnen und Athleten unserer Nationalmannschaften – das geht über den Fußball hinaus – darüber reden, welche Wirkung ihr Auftreten im internationalen Kontext haben kann. Vielleicht ist es ein gutes Beispiel – oder ein schlechtes, je nachdem, wie man es bezeichnen will – um diese Diskussion im Sport insgesamt einmal anzuzetteln.

Grundsätzlich mache ich die Erfahrung, dass sich Athletinnen und Athleten mit ausländischen Wurzeln problemlos und mit bestem Beispiel in der Vergangenheit in unsere Nationalmannschaften eingefunden haben. 

Das Gespräch führte Andrea Oster im WDR 5 Morgenecho vom 15.05.2018

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab und kann teilweise gekürzt sein. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 16.05.2018, 11:27