Der Mann mit der Pauke

Schwarzweiß-Bild: Wolfgang Neuss an ejnem Rednerpult

Wolfgang Neuss zum 95. Geburtstag am 3. Dezember 2018

Der Mann mit der Pauke

Wer auf die Pauke schlägt, der will gehört werden. Wolfgang Neuss zählte in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu den besten und populärsten Kabarettisten der Bundesrepublik.

Er war scharfsinnig, provokant und witzig, aber nie flach und anbiedernd, für die einen ein Spaßmacher, für die anderen ein Spielverderber.

In den 50er Jahren eroberte Wolfgang Neuss mit seinem Partner Wolfgang Müller die deutschen Kabarettbühnen. “Ein dicker Hund auf Adenauer, ein dicker Hund auf Ulbricht, ein dicker Hund auf die Berliner, ein dicker Hund auf die Menschen, und das Ding war geritzt.” Kein Auftritt war wie der andere, Neuss verarbeitete gern die Ereignisse des Tages. Nebenbei trat er in zahlreichen Filmen auf, was seine Popularität nur steigerte.

Nach dem Tod seines Bühnenpartners Wolfgang Müller entwickelte Neuss eigene Programme: 1963 “Das jüngste Gerücht”, 1965 “Neuss Testament”. Die Pauke war sein dramaturgisches Markenzeichen, ihr Sinn und Zweck: “die schwingende Parodie, nie die geschriebene und gesprochene, sondern nur die mitschwingende Parodie auf den Deutschen, auf das Alldeutsche, auf das Alles-über-alles Deutsche, auf das Universumdeutsche!”

Der Ostberliner Liedermacher Wolf Biermann bei seinem Konzert in Köln am 13.11.1976

Wolf Biermann

Wolfgang Neuss legte sich mit den Mächtigen in Ost und West an, er war kein Freund des bundesdeutschen Kapitalismus und kein Freund des real existierenden DDR-Sozialismus. Wolf Biermann verhalf er zu seiner ersten Plattenaufnahme. Als dann die Studentenbewegung die Republik erschütterte, wusste Neuss, wo er zu stehen hatte. "Man muss das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung vor ihren Schützern."

Dass er von den Joints, die er während der Studentenbewegung kennen lernte, nicht lassen konnte, gehörte zur Tragik seines Lebens. Er selbst nahm die Sucht mit Humor: "Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen." In den 70er Jahren verschwand Wolfgang Neuss aus der Öffentlichkeit, 1983 kehrte er mit dem Programm "Neuss vom Tage" zurück, da sah er mit seinen langen, schütteren Haaren und seinen Zahnlücken aus wie ein vom Leben und von Drogen Geschlagener. Gefeiert wurde er trotzdem, als Ikone eines Lebens jenseits aller Anpassungszwänge. "Ich suchte eine Art Utopie, in der man mit der Welt spielen kann ohne Folgen.”

Albert Wiedenhöfer erinnert an den großen Kabarettisten und es gibt ein Wiederhören mit seinen besten Nummern.

Redaktion: Hans Jacobshagen

Stand: 16.11.2018, 10:12