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Was bringt Gehirndoping?

Aufnahme einer Hand die eine Ritalin-Pille vor dem Hintergrund von ein paar Büchern rausdrückt

Manchmal reicht schon der Placebo-Effekt

Was bringt Gehirndoping?

Vokabeln, Formeln, Jahrestage - bei vielen Menschen dauert es ewig, bis solche Daten im Gedächtnis hängen bleiben. Wie praktisch wäre da eine Pille, die das Gehirn bei Bedarf auf Trab bringt. Welche Möglichkeiten gibt es - und was bringen sie?

Doping fürs Gedächtnis - das betreiben die meisten Deutschen schon am frühen Morgen: Die erste Tasse Kaffee bringt nicht nur den Kreislauf auf Touren, sondern auch die grauen Zellen. Auch Nikotin gibt dem Gehirn einen Schub, allerdings mit den bekannten Nebenwirkungen. Die Effekte sind verlässlich aber - leider - begrenzt.

Wer mehr will, muss sich an die Wissenschaft wenden - zum Beispiel an Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin. Sie erklärt, was Gehirndoping - in der Fachsprache "Neuroenhancement" genannt - eigentlich bedeutet: "Darunter versteht man die Verbesserung von gesunden Menschen durch die Applikation von bestimmten Techniken oder Medikamenten, um ihre emotionalen, kognitiven oder auch motivationalen Fähigkeiten oder Gestimmtheiten zu verbessern. Das heißt, Gesunde tun etwas, was sie besser als gut sein lassen soll."

Besser als gut - das hört sich für viele verlockend an. Eine Umfrage der Krankenkasse DAK hat ergeben, dass immerhin fünf Prozent der DAK-Mitglieder schon einmal ein Medikament zur Leistungssteigerung oder Stimmungsaufhellung genommen haben, ohne im medizinischen Sinne krank zu sein. Wie groß der Bedarf an einem Doping fürs Gedächtnis ist, zeigt auch eine Umfrage der Universität Mainz. Die Mehrheit der Studierenden, die dafür befragt wurden, sagte, dass sie so ein Medikament durchaus nehmen würden, wenn es wirken würde - vor allem, wenn andere es auch tun würden.

Viele Substanzen sind eigentlich für kranke Menschen gedacht

Wer sein Gehirn dopen möchte, hat theoretisch eine ganze Reihe von Medikamenten zur Auswahl: Narkolepsiepatienten können mit Modafinil den Schlafdrang bekämpfen, bei Kindern mit dem Zappelphilipp-Syndrom erhöht Ritalin die Aufmerksamkeit. Depressive sehen Dank Fluctin wieder optimistischer in den Tag, und Donepezil gibt dementen Menschen für kurze Zeit ihr Gedächtnis zurück. Die große Frage lautet: Können diese Substanzen auch dem eigentlich gesunden Gehirn helfen?

Um diese Frage zu beantworten, hat die Arbeitsgruppe von Isabella Heuser Versuchspersonen eine Nacht lang lernen lassen. Am nächsten Abend bekamen die Studenten Modafinil und mussten weiter Aufgaben lösen. Ergebnis: Die Qualität der Arbeit war ähnlich oder genauso gut, wie wenn sie ausgeschlafen gewesen wären. Auch in der nächsten Nacht - wieder mit Modafinil - fühlten sich die Studenten gut. Aber: Die Versuche zeigten, dass nicht mehr viel im Gedächtnis hängenblieb. Immerhin: Wer vor der entscheidenden Prüfung nur noch eine einzige Lernnacht braucht, der kann sich das mit Hilfe einer Pille ermöglichen.

IQ und Kreativität bleiben gleich - egal, was man nimmt

Die Motivation wiederum lässt sich mit Amphetaminen steigern - auch ein Weg, um mehr Lerneinheiten zu bewältigen. Und wer über Wochen dabei bleiben muss, der kann mit Antidepressiva die Stimmung durchaus heben - allerdings nur etwas. Ob Ritalin oder Modafinil dem guten alten Koffein wirklich überlegen sind, wird gerade an der Charité untersucht. Große Überraschungen erwartet Isabella Heuser eigentlich nicht: "Es hat sich mittlerweile schon herumgesprochen, dass diese ganzen Neuroenhancement-Präparate weder den IQ noch die Kreativität erhöhen. Das ist nicht drin bisher, mit allen Substanzen, die wir kennen."

Bisher sind alle Neuroenhancer verschreibungspflichtig

Es wird aber auch an Substanzen geforscht, die ganz gezielt in die Nervenschaltkreise eingreifen. Der Gedächtnisforscher und Nobelpreisträger Erik Kandel setzt auf sogenannte CREB-Agonisten. Im Tierversuch stärken sie nicht nur die Verbindungen zwischen Nervenzellen, sondern auch die Leistungskraft des Gehirns: "Ich glaube, es sorgt für eine breite Verbesserung bei vielen Aufgaben", sagt Kandel. "Es ist keine perfekte Lösung für alle Probleme, aber sicher ein wirksamer Verstärker vieler Formen des Gedächtnisses." Die Forscher haben noch eine ganze Reihe weiterer Substanzen in der Pipeline - aber sie alle sind noch weit von der Apotheke um die Ecke entfernt.

Für den Moment bleiben also nur die bekannten, weniger wirksamen Medikamente. Sie können allerdings zumindest für ein besseres Gefühl beim Lernen sorgen: und zwar über den Placeboeffekt. Zumindest theoretisch, denn alle potenziellen Neuroenhancer - sind verschreibungspflichtig. Das hält allerdings viele nicht davon ab, sich die Wirkstoffe auf Umwegen zu verschaffen. Isabella Heuser hat dafür Verständnis: "Ich bin prinzipiell niemand, der von vorneherein glaubt, dass Selbstoptimierung etwas Schlechtes ist. Sondern ich halte das eigentlich für etwas zutiefst Menschliches." Zumal die meisten der Substanzen recht gut verträglich sind. Nur bei Modafinli sollte der Herzrhythmus beobachtet werden - und ganz generell besteht die Gefahr, von den Medikamenten abhängig zu werden.

Wie würde Gehirndoping die Gesellschaft verändern?

Die allerwichtigste potenzielle Gefahr der Neuroenhancer liegt wohl ohnehin nicht in ihrer Wirkung aufs Gehirn, sondern in der Wirkung auf die Gesellschaft. Isabella Heuser stellt sich das so vor: "Irgendwann könnte es soweit kommen, dass ein Chef sagt, jetzt nimm doch mal das Amphetamin, damit das und das noch erledigt werden kann. Da sehe ich eine große Gefahr - in dem sozialen Druck, der dadurch aufgebaut werden kann."

Autor des Radiobeitrags ist Volkart Wildermuth.

Stand: 08.12.2014, 16:00