Mit vier Akkorden zum Superhit?

Erfolgsrezepte in der Popmusik

Mit vier Akkorden zum Superhit?

Der Bonner Musikforscher Volkmar Kramarz hat die Harmoniemuster weltweit erfolgreicher Hits untersucht - und benennt bestimmte Dur-Moll-Akkordfolgen als Pop-Formeln. Doch die sind nur eine Bedingung für einen Hit-Erfolg.

Der Musikwissenschaftler Volkmar Kramarz meint, den Code gefunden zu haben, aus dem Hits gemacht werden. Im Proberaum des Bonner Instituts für Musikwissenschaft stöpselt er seine E-Gitarre an den Verstärker und spielt einen C-Akkord. "Wenn wir das spielen“, er nimmt einen G-Akkord dazu, "haben wir schon gar nicht mehr so viele Möglichkeiten, wie wir weitermachen können.“ Dann sagt er: "Im Prinzip wäre das 'A‘ jetzt schön. Und das, er spielt einen F-Akkord, "würde sich auch gut ergänzen. Und wenn wir jetzt dazu eine Melodie suchen, dann fällt uns relativ bald was ein.“

Kramarz lehrt Musikwissenschaft an der Universität Bonn mit dem Forschungsschwerpunkt Popularmusik. Er kennt die harmonischen Regeln für die  Komposition eines Hits. Bestimmte Akkordfolgen empfinden Menschen als besonders angenehm.

Biologisch vorprogrammiert für bestimmte tonale Kombinationen

"Es ist interessant zu sehen“, sagt Kramarz, "dass wir ganz offenkundig biologisch vorprogrammiert sind für bestimmte tonale Kombinationen.“ Der Musikwissenschaftler und Songbookautor hat die weltweit erfolgreichsten Popmusik-Songs der Jahre 2007 bis 2012 nach Harmoniemustern untersucht, ergänzt durch Hit-Beispiele aus 2013 und 2014. Als Kennzeichen für Hits erwiesen sich ganz bestimmte Dur-Moll-Akkordfolgen, die er als Pop-Formeln bezeichnet. Abweichungen von diesen Harmonie-Konstruktionen führen oft zum Misserfolg. Außerdem hat er über 80 Versuchspersonen befragt und nachgewiesen, dass die Hörer die Pop-Formeln besonders lieben.

Das Prinzip des Turnaround

Marlene Dietrich, Fotografie des Fotografen Horst P. Horst

Schon Marlene Marlene Dietrich berücksichtigte Erfolgsrezepte des Pop.

Am erfolgreichsten sind laut Kramarz drei Schemata. Die erste Pop-Formel, die er benennt, stammt aus den 50er Jahren. Wie die anderen Pop-Formeln auch beruht sie auf dem Grundprinzip der Dur-Moll-Tonalität und der Kadenz. Man nehme also: Die drei Hauptakkorde einer Tonart, damit hat man alle Töne der entsprechenden Tonleiter. Und die würzt man an geeigneter Stelle mit einem weiteren Akkord. "Das nennt man Turnaround“, erklärt Kramarz, "weil man das immer wieder neu wiederholen kann. Das Prinzip hat sich unglaublich schnell verbreitet.“ Alle traurigen, langsamen Songs der 1950er basieren auf dieser Pop-Formel, etwa C‑Dur – A-Moll – F-Dur und G-Dur. Dazu gehört zum Beispiel der Song "Sag mir wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben?“ des US-amerikanischen Songwriters Pete Seeger, den auch Marlene Dietrich sang.

Diese Akkord-Formel ist in jede andere Tonart übertragbar. Entscheidend ist die musikalische Spannung, die am Ende aufgebaut wird und damit immer wieder zum Anfang zurückführt. Wie eine Kreisbewegung. Dieses musikalische Grundprinzip hat schon den Kanon in D-Dur des Barockkomponisten Johann Pachelbel zu einem echten Hit gemacht – bis heute, obwohl er vor mehr als 300 Jahren geschrieben wurde.

Hirnregionen für Wohlgefallen und Euphorie

Seit den 1970er Jahren ist auch ein anderes Schema beliebt: die sogenannte Moll-Pop-Formel. Dieselben Akkorde wie beim Turnaround, aber in anderer Reihenfolge: A-Moll – F-Dur - C-Dur – und G-Dur. Besonders erfolgreich waren auch Songs mit einer dritten Akkordfolge, der Four-Chord-Formel: C-Dur – G-Dur - A-Moll und – F-Dur. Die australische Comedy-Band "Axis of Awesome“ bringt das auf den Punkt in ihrem Song "Four Chords“. Immer dieselben vier Harmonien hintereinander liefern die Struktur für unzählige Hits.

An der Medizinischen Klinik der Universität Bonn konnte Volkmar Kramarz zusammen mit seinen Kollegen an 50 Versuchspersonen durch Magnetresonanztomographie nachweisen, dass beim Hören der erwähnten Pop-Formeln die Hirnregionen für Wohlgefallen und Euphorie aktiviert werden und bei anderen Akkordfolgen nicht. Also lautet das Rezept für einen Hit: folge einer der drei Pop-Formeln. Aber reicht das schon allein? Nur vier Akkorde und schon ein Hit?

Komplexe Praxis der Hit-Produktion

Alligatoah

Authentizität und Ausstrahlung: Alligatoah, nominiert in der Kategorie "Bester Hip-Hop-Act" bei der 1Live Krone

Natürlich nicht, sagt Volkmar Kramarz. Die Pop-Formeln sind eine notwendige Bedingung. Aber die Akkordfolgen müssen durch Gesang und Musikinstrumente erst zum Klingen gebracht werden. Deshalb kommen zusätzliche Faktoren für den Erfolg hinzu. Erstens: guter Gesang. Ein Sänger, der den Ton nicht trifft, würde sich lächerlich machen. Zweitens: Authentizität und Ausstrahlung. Dem Sänger oder der Band muss man es abnehmen, dass sie ihre Musik ernst meinen. Drittens: stilistische Geschlossenheit. Ob Rap, HipHop, Trip-Hop,  R'n'B, Funk, Metal, Punk, Techno oder Drum'n'Bass: Der Song muss zur Zielgruppe passen. Eine Grunge-Band mit Streichern zum Beispiel oder eine Folk-Formation mit Turntables wäre ein Risiko für einen Hit-Erfolg. Und der vierte wichtige Faktor: die Studioproduktion.“Wenn Sie einen Hit haben wollen, achten Sie darauf, nur die beste Tontechnik einzusetzen“, so Kramarz.

Diese Einschränkungen und die komplexe Praxis der Hit-Produktion im Studio zeigen, dass es durchaus ganz schön anspruchsvoll ist, einen Hit zu produzieren. Nicht zu vergessen ist schließlich das Marketing: Das passende Video muss produziert werden, man muss die richtigen geschäftlichen Connections haben, Beziehungen zu Radiosendern, dazu kommen Interviews in den Medien.  Und zuletzt braucht man – Glück.

Autor des Radiobeitrags: Detlev Kutz

Stand: 16.12.2014, 12:00