Live hören
Jetzt läuft: Collar of fur von Fionn Regan

"In der Ungerechtigkeit Gerechtigkeit finden"

Leo Latasch

"In der Ungerechtigkeit Gerechtigkeit finden"

Leo Latasch hat sich als Notfallmediziner immer vom Grundsatz der Gerechtigkeit leiten lassen. Als erster jüdischer Vertreter im Ethikrat vertrat er offen seine - nicht immer geteilte - Meinung. Der Arzt im Ruhestand zieht im WDR 5 Feiertagsgespräch Bilanz.

"Man muss versuchen, in der Ungerechtigkeit eine Gerechtigkeit zu finden." Nach diesem Grundsatz richtet sich der Notfallmediziner Leo Latasch - und dies gibt er auch in Zeiten der Corona-Pandemie zu bedenken. Doch angesichts der guten Gesundheitsversorgung in Deutschland seien wir nie in die Lage gekommen, schwierige Entscheidungen treffen zu müssen, sagt er im WDR 5 Feiertagsgespräch.

Rettungskräfte folgen medizinischen Kriterien

Als langjähriger Leiter des Frankfurter Rettungsdienstes - jetzt ist Latasch im Ruhestand - handelte er wie alle Katastrophenhelfer und Rettungskräfte nach den Leitlinien, die ausschließlich medizinische Kriterien für die Versorgung der Patient*innen zulassen. Bei Massenunfällen und Zugunglücken beispielsweise sind genaue Regeln zu befolgen. Dabei spielten weder das Alter, noch die soziale Herkunft oder andere Aspekte eine Rolle, sagt Latasch.

Konflikte im Ethikrat zwischen Christen und Juden

2012 wurde er als erster jüdischer Vertreter in den Deutschen Ethikrat berufen, wo er mit der Beschneidungsdebatte einen turbulenten Einstieg erlebte. Damals sei er massiv beschimpft und bedroht worden. Zu Fragen wie Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik oder Organspende positioniert sich das Judentum anders als die christlichen Kirchen. Das liege daran, dass sich der jüdische Glaube fortwährend entwickele und auf Themen, die vor allem den Lebensbeginn und das Lebensende betreffen, moderne Antworten suche.

Religiös, aber nicht fromm

Bei ethischen Entscheidungen, so erzählt Latasch, habe er sich einige Male mit einem Rabbiner beraten. Er persönlich bezeichnet sich als religiös, aber nicht fromm. Er geht regelmäßig in die Synagoge, lebt aber nicht koscher. In seiner Gemeinde in Frankfurt kümmert er sich als Vorstandsmitglied um Soziales und Sicherheit, außerdem ist er im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Zur Person

Leo Latasch wurde 1952 in Offenbach geboren. Seine Mutter suchte wie viele jüdische Frauen in der Nachkriegszeit einen der wenigen jüdischen Gynäkologen auf. Das Entsetzen und die Angst vor den medizinischen Experimenten, die die Nazi-Ärzte an jüdischen Frauen und Mädchen durchgeführt hatten, war noch zu präsent. Der erste Berufswunsch von Leo Latasch war Pilot, doch dann begann er doch ein Medizinstudium und holte den Traum vom Fliegen später nach. Bis heute ist das Fliegen eines seiner Hobbies. Als junger Mann jobbte er für den Konzertveranstalter Marek Lieberberg, der Ende der 1970er Jahre begann, für berühmte Rockbands Europa-Tourneen zu organisieren. Bald wurde er zu einer Art Leibarzt für Bono von U2, Guns’ n Roses, Oasis, Annie Lennox, Bon Jovi und vielen andere. Latasch war immer ein engagierter Arzt und jüdisches Gemeindemitglied. "Der Arzt mit den sechs Nebenberufen", nannte ihn einmal ein Journalist. So hält er es nach wie vor – auch mit 68 Jahren.

Moderation und Redaktion: Christina-Maria Purkert

"In der Ungerechtigkeit Gerechtigkeit finden"

WDR 5 01.06.2020 54:47 Min. Verfügbar bis 29.05.2021 WDR 5

Download

Stand: 22.05.2020, 13:59