Rechtspop und Dschihad

Sayed Qutb und Ernst Jünger

Rechtspop und Dschihad

Von Marc Thörner

Der Islamismus hätte ohne die Thesen europäischer Denker nicht werden können, was er heute ist. Zwischen rechten Populisten und radikalen Islamisten lassen sich zahlreiche Gemeinsamkeiten nachweisen.

Rechtspop und Dschihad

Dok 5 - Das Feature 10.03.2019 53:45 Min. Verfügbar bis 06.03.2020 WDR 5 Von Marc Thörner

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Alexander Gauland

Alexander Gauland

"Der Islam ist mit unserer Werteordnung nicht vereinbar", erklärt AfD-Cochef Alexander Gauland gern in Interviews.

Martin Heidegger, Philosoph ca. 1945 / Alexis Carrel, Arzt und Philosoph 1919

Martin Heidegger/ Alexis Carrel

Rechtspopulisten und Islamisten - so der Eindruck - sind geschworene Feinde, bekämpfen sich, haben nichts miteinander zu tun und ihre Weltbilder scheinen unvereinbar. Betrachtet man jedoch die Schriften und Autoren, auf die sich beide Bewegungen berufen, entdeckt man, dass sie sich auf dieselben Denker und deren Werte beziehen: auf Ernst Jünger, Martin Heidegger, Alexis Carrel. Alle drei sind Idole sowohl der Neuen Rechten, als auch der Vordenker des radikalen Islam, als da sind: Sayed Qutb, Ali Schariati, Jalal Al-e-Ahmad. Auf sie und ihre Adaptionen berufen sich heute Salafisten, Fundamentalisten und Dschihadisten der gesamten islamischen Welt.

Der Autor Marc Thörner, geboren 1964, berichtet seit den 1990er Jahren aus der islamischen Welt, vor allem aus dem Irak, Afghanistan und den Golfstaaten.

Über seine Recherche zum Feature "Rechtspop und Dschihad" schreibt er:

Marc Thörner

Marc Thörner

Der Islam ist mit den liberalen Werten des Westens nicht vereinbar – so lautet europaweit das Credo der neuen Rechten. Bei der Lektüre von Idolen der Rechtsbewegung und Theoretikern des Dschihadismus fallen mir allerdings merkwürdige Gleichklänge auf: Beide, die Erzkonservativen des Islam und der neuen Rechten verurteilen den Verlust an "Spiritualität" im Westen – kritisieren Homosexualität, Gender-Politik und Frauenemanzipation, sowie den entseelten Rationalismus der Französische Revolution. Ein Zufall?

Diese Frage steht am Anfang einer spannenden Recherche, die mich zunächst an die dänische Universität Aarhus führt. Ein introvertierter Arabist und Religionswissenschaftler weist mir dort mit akribischen Textvergleichen nach, dass alle wesentlichen Vordenker des modernen Dschihadismus ihre Ideen weniger aus dem Koran bezogen haben, sondern sie zum großen Teil bei europäischen Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts abkupferten. Und zwar bei denen, die ausgerechnet auch die Neue Rechte als ihre geistigen Väter betrachten.

Auf den Spuren einiger dieser Autoren reise ich weiter nach Paris. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg hatte eine Gruppe deutscher und französischer Intellektueller dort versucht, eine Antimoderne zu begründen. Islamische Sorbonne-Studenten haben das Projekt in der Nachkriegszeit wieder aufgegriffen und islamisiert. Der heutige Iran ehrt insbesondere die rechten Denker Martin Heidegger und Ernst Jünger – aus Sicht der Ayatollahs sind sie die Wegbereiter der islamischen Revolution.

Buchveröffentlichungen:

  • Marc Thörner: Der stille Putsch. Wie Militärs Politik machen.Edition Nautilus Hamburg 2014, 160 Seiten, 14,90 Euro
  • Marc Thörner: Afghanistan-Code. Eine Reportage über Krieg und Fundamentalismus . Edition Nautilus Hamburg 2009, 155 Seiten, 16,00 Euro
  •  Marc Thörner: Der falsche Bart. Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror. Edition Nautilus Hamburg 2007, 160 Seiten, 13,90 Euro

2009 erhielt Marc Thörner den Otto Brenner-Preis für kritischen Journalismus.

Literatur zum Feature:

Alexis Carrel: Der Mensch das unbekannte Wesen. Paul List Verlag München 1955, 254 Seiten, antiquarisch erhältlich

Al-I Ahmad: Occidentosis - A Plague From the West. Contemporary Islamic Thought Persian Series, Mizan Press Berkeley1984, 160 Seiten, 12,71 Dollar

Aiman az-Zawahiri: Al Qaida. Texte des Terrors. Herausgegeben und kommentiert von Gilles Kepel und Jean-Pierre Milelli, Presses Universitaires de France, Piper Verlag München/Zürich 2005, 516 Seiten, antiquarisch erhältlich

Sayed Qutb: Milestones. Islamic Book Service Ltd New Delhi 2002, 160 Seiten, 6,50 Dollar

Walter Homolka und Arnulf Heidegger: Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Herder Verlag Freiburg 2016, 448 Seiten, 24,99 Euro

Ernst Jünger: Über die Linie. Verlag Vittorio Klostermann Ffm 1950, 44 Seiten, antiquarisch erhältlich

Ernst Jünger: Sämtliche Werke, Band 3: Tagebücher III: Strahlungen: II, Klett Cotta Verlag Stuttgart 2015, 659 Seiten, 25,- Euro

Ausstrahlung am 10. März 2019, Wiederholung am 11. März 2019
Ein Feature von Marc Thörner
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion: WDR 2017

Stand: 20.02.2019, 11:30