Weiße Retter - Hilfe oder Anmaßung?

Die Hand eines weißen Erwachsenen hält die eines schwarzen Kindes.

Weiße Retter - Hilfe oder Anmaßung?

Von Veronica Frenzel

In Uganda steht die Vorsitzende einer US-amerikanischen NGO vor Gericht. Sie soll sich als Ärztin ausgegeben haben und dadurch für den Tod von hundert Kindern verantwortlich sein. Hat sie es in ihrem Eifer, helfen zu wollen, übertrieben?

Mit 19 gründet die US-Missionarin Renee Bach im Osten von Uganda ein Zentrum für unterernährte Kinder. Viele sterben. Trotz oder wegen der Behandlung? Zwei Familien ziehen gegen die heute 31-jährige Bach vor Gericht. Es geht es um viel mehr als um die Frage, ob Bach schuldig ist. Der Fall steht im Zentrum einer Social-Media-Kampagne, die die gesamte westliche Hilfsindustrie in Frage stellt und im globalen Norden viel Beachtung findet: #NoWhiteSaviors. Ausgedacht haben sich den Hashtag eine Uganderin und eine US-Amerikanerin. Beide haben selbst lange für NGOs gearbeitet, beide sagen, erst jetzt machten sie etwas Sinnvolles. Für die Aktivistinnen ist Renee Bach der Inbegriff des White Savior: Eine arrogante Weiße ohne Qualifikation, die glaubt, Schwarzen per se helfen zu können, und die selbst der Tod von Kindern nicht aufhält. Gehen die Aktivistinnen zu weit? Ist die Realität wirklich so einfach?

Weiße Retter - Hilfe oder Anmaßung?

Dok 5 - Das Feature 18.10.2020 52:17 Min. Verfügbar bis 16.10.2021 WDR 5

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Ich wollte Menschen helfen

Als Tochter einer evangelikalen Familie in den USA wollte Renee Bach sich früh sozial engagieren. Direkt nach ihrem Schulabschluss flog sie als freiwillige Helferin nach Uganda und gründete mit 19 ihre eigene Hilfsorganisation für unterernährte Kinder. Dann kam der Hashtag #NoWhiteSaviours und ihr Selbstverständnis geriet ins Wanken.

Kleinbäuerin aus Uganda zwischen kleinen braunen Feldern voller Mais und Maniok.

Ziriya Namutamba ist eine Kleinbäuerin von 42 Jahren, sie lebt im Südosten von Uganda, an der Grenze zu Kenia, zwischen kleinen braunen Feldern voller Mais und Maniok. Sie teilt sich die Hütte mit ihrem Mann und fünf Enkeln. Ihre älteste Tochter bekam jung Kinder, und arbeitet als Tagelöhnerin eine Tagesreise entfernt. Um die Kinder kümmert sich Zirya Namutamba.

Ziriya Namutamba ist eine Kleinbäuerin von 42 Jahren, sie lebt im Südosten von Uganda, an der Grenze zu Kenia, zwischen kleinen braunen Feldern voller Mais und Maniok. Sie teilt sich die Hütte mit ihrem Mann und fünf Enkeln. Ihre älteste Tochter bekam jung Kinder, und arbeitet als Tagelöhnerin eine Tagesreise entfernt. Um die Kinder kümmert sich Zirya Namutamba.

Twalali, ihr drittgeborener Enkel, starb am 16. Juli 2013. In der Pflegestation für mangelernährte Kinder der Hilfsorganisation Serving His Children, gegründet von US-Amerikanerin Renee Bach. Er wurde nur zwei Jahre alt. Von ihrem Enkel ist Ziriya Namutamba nur der schwarz-weiße Ausdruck eines Fotos geblieben. Bach hatte es kurz vor dem Tod des Jungen auf Instagram gepostet.

"Im Radio hörte ich, dass die weiße Ärztin in Jinja gar keine Ärztin war", erzählt Ziria Namutamba. "Wenig später kamen ein paar Leute aus der Stadt, sie sammelten Informationen über die Kinder, die im Haus der weißen Frau gestorben sind. Sie fragten mich: Wie wütend bist du über den Tod deines Kindes? Wegen meiner Wut habe ich Renee Bach angeklagt. Mein Junge ist tot, weil ich glaubte, dass sie eine Ärztin sei. Doch die Krankheit blieb."

Olivia Alaso, eine 32-jährige ugandische Sozialarbeiterin, war eine von den Leuten aus der Stadt, die Ziriya Namutamba im Herbst 2018 zu Twalalis Tod befragten. Kurz zuvor, im Sommer 2018, hatte sie sich gemeinsam mit der US-Amerikanerin Kelsey Nielsen den Hashtag #NoWhiteSaviors ausgedacht, "keine weißen Retter". Darunter kritisierten sie die gesamte westliche Hilfsindustrie und ihre weiße Dominanz auf dem afrikanischen Kontinent. Durch das Schlagwort "NoWhiteSaviors" geriet Ziria Namutambas Dorf in das Zentrum einer weltweiten Debatte. Twalalis Tod wurde zum Symbol für weiße Arroganz und schwarzes Leid.

Die 34-jährige Anwältin Primah Kwagala reichte am 21. Januar 2019 am Gericht der Distrikthauptstadt Jinja die Zivilklage gegen Bach und deren NGO Serving His Children ein. Die US-Amerikanerin Renee Bach, die keine medizinische Ausbildung hat, soll vorgetäuscht haben, Ärztin zu sein. In dem Prozess geht es darum, ob Bach Patienten getäuscht und ob sie dadurch das Leben von ugandischen Kindern gefährdet hat.

Renee Bach gründete im Jahr 2008 mit gerade mal 19 die NGO Serving His Children. Zunächst begann sie in einem Armenviertel in Jinja Reis und Bohnen an bedürftige Schüler zu verteilen. Ein Jahr später behandelte sie in ihrem Haus auch unterernährte Kinder.

Ein Großteil der ugandischen Kinder leidet an den Folgen von Mangelernährung: ein Drittel an Wachstumshemnissen, die Hälfte der Unter-Fünfjährigen an Blutarmut. Die Böden sind fruchtbar in Uganda, das als Brotkorb Afrikas gilt, gerade im Osten des Landes, wo Ziriya Namutamba lebt. Dass trotzdem so viele Kinder zu wenige Nährstoffe bekommen, liegt unter anderem an mangelndem Wissen. Mais und Maniok, die Hauptnahrungsmittel in der Gegend, liefern zum Beispiel Kohlenhydrate, aber nicht genug Eiweiß.

Peter Waiswa ist Arzt und Professor für Gesundheitsmanagement an der Makerere Universität in Kampala, der ersten, größten und renommiertesten Hochschule von Uganda. "Es ist ein komplexer Fall", sagt er. "Ich bin sicher, dass sie helfen wollte. Und vielleicht wären die Babys ohnehin gestorben. Die Sterblichkeitsrate unter Kindern mit Mangelernährung bei uns ist sehr hoch."

Seit Herbst 2018 lebt Renee Bach wieder in Virginia, USA. Kurz zuvor waren auf dem Instagram-Account „NoWhiteSaviors“ die ersten Posts über sie veröffentlicht worden. Und sofort hatten Leute darunter Todesdrohungen ausgesprochen. "Wir wissen, wo du lebst, und wir haben Waffen". Ihre Mutter und ihr Anwalt baten sie daraufhin, in den nächsten Flieger nach Hause zu steigen.

Ende Juli trafen sich die Anwältin Primah Kwagala und die Anwälte der Bachs vor Gericht. Die Vertreter der Bachs stritten jede Verantwortung ab, waren allerdings bereit, den Müttern eine Entschädigung zu zahlen. Um die Sache ein für alle mal zu beenden, wie sie erklären ließen. Sie boten 9.500 Dollar. Die Mütter willigten ein.

Um die Schuldfrage ging es bei diesem Prozess sowieso nicht. Eher um Verantwortung. Was hat der Prozess gebracht? "Wir wollen erreichen, dass die Menschen auf dem Land aufhören, jedem Weißen blind zu vertrauen, der in die Gemeinschaft kommt und Hilfe anbietet", sagt die Opferanwältin Primah Kwagala. Aber hat der Fall das Zeug, um eine solche Bewusstseinsveränderung in Gang zu setzen?

Damit sich etwas ändert, bieten Olivia Alaso und Kelsey Nielsen, mittlerweile auch Workshops an, Empowerment für Ugander, anti-rassistische Analyse für weiße NGO-Mitarbeiter. Verantwortlich ist Wendy Lubega. "Weiße müssen von Schwarzen lernen wollen", sagt sie. "Wirklich besser und gerechter wird die Welt nur, wenn wir es schaffen, den einzelnen Menschen hinter den Stereotypen sehen."

Von Veronica Frenzel
Regie: Nikolai von Koslowski
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR 2020

Ausstrahlung am 18. Oktober 2020 in WDR 5

Stand: 05.10.2020, 11:49