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Klimakrise in Mali - Über Bauern, Hirten und Islamisten

Krieger in Mali

Klimakrise in Mali - Über Bauern, Hirten und Islamisten

Von Bettina Rühl

Im westafrikanischen Mali eskaliert die Gewalt zwischen Hirten und Bauern, Hunderte von Menschen wurden in den vergangenen Monaten getötet. Die Ursachen der vermeintlich ethnischen Konflikte liegen im Versagen des Staates.

Die Hirten aus dem Volk der Fulani und die Bauern vom Volk der Dogon haben jahrhundertelang friedlich zusammen gelebt und sich dank ihrer unterschiedlichen Wirtschaftsformen ergänzt: Die halbnomadisch lebenden Fulani treiben ihre Herden in regelmäßigen Wanderzyklen durch das Gebiet der Bauern. Der Dung der Tiere förderte die Fruchtbarkeit des Bodens, die Rinder und Ziegen fraßen die Erntereste.

Klimakrise in Mali - Über Bauern, Hirten und Islamisten

Dok 5 - Das Feature 15.12.2019 53:07 Min. Verfügbar bis 09.12.2020 WDR 5 Von Bettina Rühl

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Heute sind aus den Nachbarn Konkurrenten geworden: Durch zunehmende Trockenheit bringen die fruchtbaren Böden weniger Ertrag. Und wegen des starken Bevölkerungswachstums werden mehr Acker- und Weideflächen gebraucht als bisher. Da die malische Regierung sich nicht um die Landfrage kümmert, bekämpfen sich Viehzüchter und Bauern zunehmend mit Waffengewalt. Und in das Vakuum, das der Staat hinterlässt, stoßen radikale Islamisten und werden für die Bevölkerung in Mali zunehmend attraktiv. Auch weil sie bei Landkonflikten Urteile sprechen und die Streitfälle lösen.

Bettina Rühl zu ihrer Recherche:

In diesem Jahr habe ich viele Fotos auf mein Handy geschickt bekommen, die aus Mali stammen und so verstörend sind, dass ich sie an dieser Stelle nicht veröffentlichen kann. Sie zeigen verbrannte Häuser, zerstörte Dörfer, verkohlte und verstümmelte Leichen. Begleitet wurden die Bilder regelmäßig mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zweier ethnischer Gruppen im westafrikanischen Mali, die einander auf vergleichbare Weise grausame Gewalt antun. Aus der Ferne konnte ich die schweren Vorwürfe nicht überprüfen. Also bin ich hingefahren.

Seit einigen Jahren beobachte ich, wie sich die Konflikte in Mali ausbreiten. Immer wieder habe ich aus dem Norden des Landes berichtet, wo im Rahmen der UN-Mission MINUSMA auch ein Kontingent der Bundeswehr stationiert ist. Im Norden operieren seit 2012 islamistische Gruppen, greifen die Bevölkerung, die malische Armee und die UN-Soldaten an. Trotz aller internationaler Bemühungen, Mali zu stabilisieren und zu befrieden, nimmt die Gewalt immer mehr zu. Warum? Diese Frage hat mich in den vergangenen Jahren immer wieder beschäftigt. Diesmal fuhr ich in die Region, aus der die Fotos stammen: ins Zentrum des Landes. Ich wollte die Gründe der Gewalt besser verstehen. Während meiner Reise habe ich viele Theorien, Gerüchte und Beschuldigungen gehört. Vieles war verwirrend und verstörend, aber am Ende hatte ich besser verstanden, warum Mali nicht zur Ruhe kommt.

Fotostrecke - Klimakrise in Mali

Von Bettina Rühl

Eindrücke aus Mali

Ein Dogon-Dorf, das noch nicht zerstört wurde. Früher war das kleine Volk der Dogon vor allem wegen seiner rituellen Maskentänze und astronomischen Kenntnisse berühmt. Doch seit einigen Monaten sind die Dogen aus ganz anderen Gründen in den internationalen Schlagzeilen geraten. Es geht um Morde und Massaker, die Dogon sind Täter und Opfer zugleich.

Ein Dogon-Dorf, das noch nicht zerstört wurde. Früher war das kleine Volk der Dogon vor allem wegen seiner rituellen Maskentänze und astronomischen Kenntnisse berühmt. Doch seit einigen Monaten sind die Dogen aus ganz anderen Gründen in den internationalen Schlagzeilen geraten. Es geht um Morde und Massaker, die Dogon sind Täter und Opfer zugleich.

Zwei Jäger der Dogon-Miliz Dana Ambassagou. Bei den Dogon bilden die Jäger eine eigene Kaste, einen quasi-religiösen Bund. Sie tragen Fetische und Amulette, die sie ihrem Glauben nach unverwundbar machen. Die Jäger haben traditionell tatsächlich die Aufgabe, Wild zu erlegen. Da sie bewaffnet sind, fällt es ihnen auch zu, die Dörfer zu verteidigen.

Jäger der Dogon-Miliz Dana Ambassagou auf ihren Motorrädern kurz vor der Abfahrt in Koro. Während der gegenwärtigen Krise, die 2015 begann, haben die Jäger der Dogon in vielen Dörfern Selbstverteidigungsmilizen gebildet und sich zur "Dana Ambassagou" zusammengetan. Es gibt viele Indizien dafür, dass die Miliz mit der malischen Armee und der Regierung zusammenarbeiten. Alle drei Seiten weisen diese Vorwürfe zurück.

Unterwegs mit einer Eskorte der Dana Ambassagou. Im Zentrum von Mali gibt es etliche bewaffnete Gruppen, darunter auch radikale  Islamisten. Sie entführen regelmäßig Malier und Ausländer. Um die Gefahr einer Entführung zu verringern, habe ich die Dana Ambassagou um eine Eskorte aus bewaffneten Jägern gebeten.

Während unseres Rundgangs durch das zerstörte und verlassene Dorf Sabéré halten Dogon-Jäger Ausschau nach Angreifern. In dem Ort wurden mindestens 12 Menschen in ihren Häusern verbrannt, erzählen die Jäger.

Hier lebte früher der Chef des zerstörten Dogon-Dorfes Sabéré. Das Anwesen des Dorfchefs zu zerstören, hat immer auch eine symbolische Bedeutung. Es unterstreicht nochmal die Demütigung für die angegriffene und vertriebene Bevölkerung.

In dem Dorf Dangaténé hat die Dogon-Miliz Dana Ambassagou einen von mehreren Stützpunkten. Vor dem Ort weht die malische Flagge - ein klares Bekenntnis der Miliz zur malischen Regierung.

Jäger der Dogon-Miliz Dana Ambassagou posieren mit einem Geschütz, das sie angeblich von den Fulani erobert und in ihren Stützpunkt Dangaténé gebracht haben.

Rinder der Fulani ziehen an Dangaténé vorbei. Früher war das Verhältnis zwischen Fulani und Dogon freundschaftlich. Die Fulani-Hirten nahmen auch das Vieh der Dogon mit auf die Weiden und wurden dafür mit einem Teil der Ernte bezahlt. Aber diese Zeiten sind vorbei.

Der Dogon-Jäger Seydou Guindo mit seiner Kalaschnikow im Stützpunkt der Miliz in Dangaténé.

In solchen Speichern aus Lehm lagern die Dogon traditioneller Weise ihre Hirse. In diesem hier gibt es noch einige Rest. In etlichen Dörfern im Dogonland werden die Vorräte wegen der langen Konflikte schon knapp: Viele Bauern trauen sich nicht mehr auf die Felder, andernorts wurden die vollen Speicher zerstört, die Ernte verbrannt.

Guillaume Ngefa leitet die Menschenrechtsabteilung der UN-Mission Minusma in Mali. In dem Dorf Ogossagou und in anderen Orten ließ er umfangreiche Ermittlungen vor Ort anstellen. Trotzdem kann er nicht genau sagen, wer die Täter sind.

Die 12-jährige Fatmata Barry hat das Massaker von Ogossagou überlebt. Ende März 2019 töteten Bewaffnete dort fast 160 Menschen. Darunter waren Greise, schwangere Frauen und Kinder. Fatmata wurde durch eine Kugel im Arm verletzt und anschließend wochenlang im Krankenhaus behandelt.

Auch diese 84-jährige Fulani-Frau hat das Massaker von Ogossagou überlebt, allerdings mit schwersten Brandverletzungen. Sie wurde im selben Krankenhaus wie Fatmata behandelt.

Einige Fulani haben im Hof der Fulani-Kulturorganisation Tabital Pulaaku in Bamako Zuflucht gefunden. Darunter ist auch Boukary Bila Tamboura der erzählt, warum die Männer hier sind: Ihren Schilderungen nach wurden sie vom malischen Militär misshandelt.

Einer der Fulani im Sitz der Kulturorganisation Tabital Pulaaku in Bamako zeigt seine Brandwunden. Die hätten ihm malische Militärs zugefügt, sagt er. Und zwar mit Messerklingen, die sie vorher bis zum Glühen erhitzt hätten.

Auf dem Viehmarkt der malischen Hauptstadt Bamako haben Vertriebene aus dem Dogonland notdürftige Unterkünfte errichtet.

Ausstrahlung am 15. Dezember 2019, Wiederholung am 16. Dezember 2019
Von Bettina Rühl
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion: WDR 2019

Stand: 11.11.2019, 14:55