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Agadez, Niger - Europas Grenzposten in Westafrika

Nigerianische Soldaten suchen in der Sahara nach Schleussern, 10.08.2018

Agadez, Niger - Europas Grenzposten in Westafrika

Von Bettina Rühl

In Agadez, einer Oasenstadt im Norden von Niger, ist die Wirtschaft zum Stillstand gekommen. Auf Europas ausdrücklichen Wunsch hat die nigrische Regierung 2015 ein Gesetz verabschiedet, das es Ausländern verbietet, nördlich von Agadez unterwegs zu sein. Die Region verarmt.

Flüchtlinge aus Sierra Leone in einem Auffanglager in Agadez, Niger

Drei Viertel aller afrikanischen Migranten, die Italien in den vergangenen Jahren per Boot über das Mittelmeer erreichten, hatten zuvor auf ihrem Weg Niger durchquert. Durch das Gesetz hoffte Europa, die Migration von Afrika nach Europa beschränken zu können. Die Bilanz drei Jahre später zeigt: Vor allem die Armut in der Region hat durch das Gesetz zugenommen. Viele, die vorher ganz legal von den Reisenden lebten, haben ihre Existenzgrundlage verloren. Dabei versprechen europäische Politiker mantraartig, "Fluchtursachen bekämpfen" zu wollen, unter anderem Armut. Zwar finanziert die EU nun zum "Ausgleich" einzelne Projekte, die aber kaum die damit Begünstigten ernähren, geschweige denn die Wirtschaft wieder anschieben können. Dabei zählt Niger schon jetzt zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Ein Ortsbesuch in Agadez.

Agadez, Niger - Europas Grenzposten in Westafrika

Dok 5 - Das Feature 16.06.2019 49:40 Min. Verfügbar bis 13.06.2020 WDR 5 Von Bettina Rühl

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Bettina Rühl, geboren 1965 in Bad Homburg, berichtet seit fast drei Jahrzehnten aus und über Afrika. Seit 2011 lebt sie als freie Korrespondentin in Nairobi. Ihre Radio-Dokumentationen und Features wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien, dem Prix Europa in der Kategorie beste investigative Recherche/ Radiodokumentation und mit dem Robert-Geisendörfer-Preis.  Bettina Rühl ist Mitglied und seit 2017 Vorsitzende des Korrespondentennetzwerkes weltreporter.net.

Autorin Bettina Rühl

Bettina Rühl

Zu "Agadez, Niger - Europas Grenzposten in Westafrika" schreibt sie:
Die schönsten Momente bei Recherchen sind für mich, wenn sich mir neue Welten auftun, wenn ich etwas entdecke, wodurch ich bisherige Vorstellungen erweitern muss. Das war auch bei den Recherchen für dieses Feature so, und zwar rund um den Begriff der "Schlepper". Seit 2015 ist in Deutschland und Europa viel über Schlepper gesprochen worden, über Mitglieder krimineller, internationaler Netzwerke, die Flüchtlinge und Migranten für viel zu viel Geld illegal über Grenzen bringen. Ich habe mich in den vergangenen zehn Jahren viel mit der Migration in und aus Afrika beschäftigt und habe schon selbst mit Schleppern gesprochen die zugaben, kein Mitleid zu haben, wenn ihre Kunden im Mittelmeer ertrinken, manchmal noch vor ihren Augen, wenige Meter nach dem Ablegen der seeuntüchtigen Boote. Aber bei der Recherche für dieses Feature habe ich festgestellt, dass das, was wir in Europa mit dem Begriff "Schlepper" bezeichnen, nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist. Ich habe erfahren, dass die "Schlepper" im Niger ganz normale Transportunternehmer waren, die einem legalen Gewerbe nachgingen, bis die Gesetze auf europäischen Wunsch hin geändert wurden. Und dass die Migration ein Wirtschaftszweig war, der bis dahin eine ganze Region am Leben hielt.

Besonders berührt haben mich bei der Recherche die Begegnungen mit zwei Migranten: Der eine war voller Todesangst, weil er wusste, was ihn in der Wüste und auf dem Meer erwartet und trotzdem keine Alternative zum Weg nach Europa sah. Der andere war sich ebenfalls der Möglichkeit bewusst, dass er bald sterben könnte, war aber voller Hoffnung und beflügelt von der Vision, dass er seine Ausbildung in Europa verbessern und dann nach Hause zurückkehren könne. Er träumte davon Politiker zu werden, am liebsten Präsident, um seine Heimat Guinea zu einem Land zu machen, aus dem niemand mehr fliehen muss.


Ausstrahlung am 16. Juni 2019, Wiederholung am 17. Juni 2019
Autorin: Bettina Rühl
Redaktion: Dorothea Runge
Produktion: DLF/WDR 2019

Stand: 28.05.2019, 12:26