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 Autor im Gespräch: Stanisław Strasburger mit "Besessenheit.Libanon".

"Vom Krieg zur EUtopie" von Stanislaw Strasburger

Stand: 11.03.2022, 12:55 Uhr

Viele deutschsprachige Schrifsteller:innen haben Wurzeln in Osteuropa. Haben familiäre, freundschaftliche Verbindungen nach Russland oder in die Ukraine. Sie alle waren mit ihren Büchern schon zu Gast in unserer Sendung. In loser Reihenfolge bitten wir sie um Texte zum Ukraine-Krieg.

Stanislaw Strasburger schickte uns diese Woche seine Gedanken zu einem Weg "Vom Krieg zur EUtopie". Strasburger ist Schriftsteller, Publizist und Kulturmanager. Seine Schwerpunkte sind Erinnerung und Mobilität, er sucht nach einer Utopie für Europa und schätzt die Achtsamkeit.

Der in Warschau geborene Autor lebt abwechselnd in Berlin, Warschau und diversen mediterranen Städten. Zudem ist er Ratsmitglied des Vereins "Humanismo Solidario". Derzeit hält er sich im andalusischen Granada auf. Von da aus schickte er uns seinen Text. Sein aktueller Roman "Der Geschichtenhändler" erschien 2018 im Secession Verlag.

"Vom Krieg zur EUtopie" von Stanislaw Strasburger

WDR 5 12.03.2022 02:54 Min. Verfügbar bis 11.03.2023 WDR 5


"Vom Krieg zur EUtopie" von Stanislaw Strasburger

Kriege beginnen bekanntlich dann, wenn man aufhِrt zu reden. Vorwiegend alte Männer stiften vorwiegend junge äنnner dazu an, sich gegenseitig umzubringen. Sie lassen unzählige andere Menschen durch Flucht, Angst und Verstümmelungen dauerhaft leiden. Dabei werden Unmengen von Geld für Aufrüstung, Hilfe und dann für den Wiederaufbau ausgegeben. Einige bereichern sich, viele andere verarmen. Am Ende reden zumeist dieselben Alten wieder miteinander. Sie schließen Frieden.

Was für ein Unsinn! Ich bin ein überzeugter Pazifist. Pazifismus ist für mich vor allem der Glaube, dass die Menschheit genug Konfliktlِsungsstrategien erarbeitet hat, um jeden Krieg zu vermeiden. Wenn der Krieg dann doch kommt, zeugt das für mich vor allem davon, dass der entsprechende Wille zu seiner Vermeidung fehlt. Ja, ich weiß, der Sinnlosigkeit des Krieges kann man kaum einen Text entgegenstellen.

Die Ohnmacht der Wِörter im Angesicht des Grauens zu ertragen fällt mir als Schriftsteller besonders schwer. Ich fühle mich, als gäbe es zwei Welten: die eine, in der wir irgendwie alle wissen, dass Gewalt nirgendwo hinführt, und die andere, in der wir sie trotzdem ausüben. Wird es jemals nur die eine Welt geben? Nostalgische Wünsche nach der Rückkehr zu dem was war, die Populisten aller Art weltweit hegen, sind mir zuwider. Und sie machen mir Angst: In den letzten Dekaden nähern sich Krieg, gewaltätige Landbesetzung, Vertreibung und massives menschliches Leid immer mehr den Grenzen der EU.

Worauf noch warten? Auf zur EUtopie! Seit Jahren spreche ich mich für eine EUtopie aus. EUtopie kommt vom griechischen Eutopia und bedeutet einen guten Ort, im Gegensatz zu Utopia – einen Ort, den es nicht gibt. Nicht zuletzt hat die COVID-19 Krise gezeigt, dass von jetzt auf gleich so ziemlich alles verنndert werden kann. Also legen wir los: EUtopie steht für die Dringlichkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags. Klima, Gesundheit und Krankheit, Sicherheit, Kontrolle und Mobilität, Macht und Selbstbestimmung, Sexualität und Gewalt, Medien, der Status von Wissenschaft, Fakten und Fiktionen – all das muss neu gedacht und gelebt werden.

Lebten wir die EUtopie schon heute, so müsste niemand Putin mit Waffengewalt begegnen. Eine EUtopische Wende würde nämlich ihn und die von ihm verwalteten Ressourcen irrelevant machen. Dann würde er womِglich sogar selbst merken, dass die Welt ihn so nicht braucht.

Buchhinweise:
Stanislaw Strasburger: Der Geschichtenhändler
Secession Verlag, 2018
304 Seiten, 24 Euro

Stanislaw Strasburger: Besessenheit. Libanon. Eine Sachbuchfiktion
Secession Verlag, 2016
356 Seiten, 25 Euro