WDR5 Bücher, das Literaturmagazin, Autorin im Gespräch: Natalka Sniadanko mit "Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen", Haymon

Texte zum Ukraine-Krieg

"Krieg" von Natalka Sniadanko

Stand: 01.04.2022, 16:55 Uhr

Seit dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine bitten wir SchriftstellerInnen aus oder mit Wurzeln in Osteuropa um persönliche Texte zum Ukraine-Krieg. Sie alle waren mit ihren Büchern schon zu Gast in unserer Sendung. Diese Woche erreichte uns der Beitrag der Lemberger (Lwiwer) Autorin Natalka Sniadanko.

Mit ihrer wundervollen Ost-West-Geschichte "Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen" über die selbstbewusste Chrystyna aus Lwiw, die sich in Berlin als Putzfrau durchschlägt, war Natalka Sniadanko vor Jahren bei WDR 5 Bücher zu Gast.

Voriges Jahr erschien ihr hoch gelobter Roman "Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde". Laut einhelligem Urteil eine sehr gute Gelegenheit, sich der Ukraine, ihrer Geschichte und ihren Menschen lesend anzunähern.

Die 1973 geborene Ukrainerin wurde während eines Auslandsaufenthalts vom Krieg überrascht. "Krieg", so heißt ihr Text.

"Krieg" von Natalka Sniadanko

WDR 5 02.04.2022 02:54 Min. Verfügbar bis 01.04.2023 WDR 5


"Krieg" von Natalka Sniadanko

Als ich noch ein Kind war, gehörte Wehrpflicht zu den Schimpfwörtern. Niemand wollte zwei Jahre sinnlos in der sowjetischen Armee vergeuden und traumatisiert von dort zurückkehren. Schon gar nicht, als der Krieg in Afghanistan begann, und junge sowjetische Soldaten unwissend dorthin geschickt wurden. Man setzte sie ins Flugzeug und sagte ihnen, sie sollten an militärischen Übungen teilnehmen. Und dann waren sie plötzlich mitten im Krieg. Man kann das in den Büchern von Swetlana Alexijewitsch nachlesen.

Genau das wiederholte sich aber vor wenigen Wochen, wie in einem bösen Traum. Damals, als Kind, hatte ich oft gehört, wie wichtig es ist, in Frieden zu leben. Das klang aber sehr abstrakt, als bloßer Teil der sowjetischen Propaganda. Es wird niemals Krieg geben, schon gar nicht bei uns, -- noch vor wenigen Jahren waren wir alle fest davon überzeugt. Und wir diskutierten viel über Politik, Sprachdifferenzen, Kultur.

Unter anderem während der Leipziger Buchmesse, wo drei Jahre lang ein vom österreichischen Schriftsteller Martin Pollack geleitetes Projekt lief, das ukrainische, polnische und belarussische Literatur vorstellte. Die russischen Verlage hatten einen eigenen Stand, er stand riesig und leer, bei uns war immer Vollbetrieb. Als ich nach der letzten Veranstaltung dieses Projekts zum Flughafen fuhr, kam die Nachricht von der Annexion der Krim.

Man sprach damals das Wort "Krieg" noch nicht aus. Leider. Hätte man das damals schon getan, oder sogar früher, als sich ähnliche Szenarios in Moldova, Georgien und Tschetschenien abspielten, vielleicht könnten dann die inzwischen weit über hundert ukrainischen Kinder, die seit dem 24. Februar umgebracht wurden, immer noch leben.

Als ich noch ein Kind war, stand das Wort Krieg gleichbedeutend für den zweiten Weltkrieg oder andere Kriege aus dem Geschichtsbuch. Ein Krieg, den ich selbst einmal würde miterleben müssen, war nicht vorstellbar - und kommt mir eigentlich immer noch wie ein böser Traum vor.

In diesem Traum sprechen ukrainische SchriftstellerInnen nach Veranstaltungen über Schutzwesten und Waffenbeschaffung anstatt über Bücher. Und ukrainische Männer stehen wieder Schlange, um freiwillig in den Krieg zu gehen. Man sammelt Geld, Essen, Medikamente, Kleidung, Fahrzeuge, alles, was gebraucht wird. Mal ist es nötig, zehn Eintrittskarten für den geschlossenen Zoo von Mykolajiw zu kaufen, damit die Tiere gefüttert werden können. Mal sucht jemand eine Wohnung in Lemberg, wo zehn Perserkatzen übernachten können, die aus Kyjiw gerettet wurden.

"Der Krieg hat kein weibliches Gesicht", -- so hat Swetlana Alexijewitsch eins ihrer Bücher genannt. Aber er hat auch kein männliches Gesicht, kein kindliches Gesicht, kein menschliches Gesicht. Er bringt gar nichts außer Schrecken, Leiden und Tod.

Buchhinweise:
Natalka Sniadanko: Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck
Haymon-Verlag, 2021
424 Seiten, 25,90 Euro

Natalka Sniadanko: Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen
Aus dem Ukrainischen von Lydia Nagel
Haymon Verlag, 2016
344 Seiten, 19,99 Euro