"Terrorsprache" von Stefan Gärtner

Buchcover: "Terrorsprache. Aus dem Wörtbuch des modernen Unmenschen" von Stefan Gärtner

Lesefrüchte

"Terrorsprache" von Stefan Gärtner

Es scheppern die Worthülsen, in den Medien wie auf der Straße. Stefan Gärtner klopft auf einige besonders häufig gedroschene Alltagsphrasen und hört das Echo falscher gesellschaftlicher Verhältnisse.

Manches Gerede ist ja mehr als nur nervig und tut richtig weh. Die Zwei-Wort-Klatsche "Alles gut" z.B., die einem seit längerem wo man geht und steht um die Ohren fliegt. Egal, welches kleinere Versehen, welchen Irrtum man sich leistet, es ist nicht, wie früher einmal, "Kein Problem" oder "Halb so schlimm", heute ist immer "Alles gut".

Dass vor allem der abstiegsbedrohte Mittelstand diese Phrase dauernd im Munde führt, begreift Gärtner als Akt der Beschwörung, "weil nicht sein kann, was nicht sein darf: dass nämlich nicht alles gut sei." Es ist das so flotte wie besinnungslose Geschwätz von Bildungsbürgertum und bürgerlicher Presse, das hier in Wörtern wie "perfekt", "dramatisch", "lecker", "zeitnah" oder "massiv" zumeist überzeugend enttarnt und ans schwarze Brett der Terrorsprache geheftet wird.

Wobei der hellhörige Autor auch einer Reihe beinahe unverdächtig klingender Begriffe wie etwa "liefern, bespaßen, bespielen" auf den schlammigen Grund geht, zum Glück ohne den Anspruch, die Weisheit gepachtet zu haben. Als sprachanalytischer Gesellschaftskritiker weiß Gärtner zwar, wie hoch für ihn in der Nachfolge von Karl Kraus und Adorno die Latte hängt, aber zum Glück neigt er nicht dazu, nach Art der beiden kritischen Großmeister in komplizierter Prosa reihenweise apodiktische Urteile zu fällen.

Gärtner ist da zurückhaltender, lässiger auch, aber gleichwohl prägnant. Die doofen Phrasen wird dieses Buch natürlich nicht aus der Welt schaffen. Wer’s gelesen hat, dürfte jedoch genauer hören und empfindlicher sein für kopfloses Geschwalle. Damit wäre zwar nicht alles gut, aber vielleicht einiges etwas besser.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Stefan Gärtner: Terrorsprache. Aus dem Wörtbuch des modernen Unmenschen
Edition Tiamat, 142 Seiten, 14 Euro

Stand: 21.05.2021, 16:02